Die digitale Transformation von Drogen und das Verbot von Computerspielen

Die digitale Transformation von Drogen und das Verbot von Computerspielen

Digitalisierung 5 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Oder: warum unsere Freiheitsliebe uns zu abhängigen Sklaven machen könnte  

Viele Eltern kennen das Problem, wenn das Spielen von Computerspielen zur Belastungsprobe für die ganze Familie wird, weil die Kinder es nicht schaffen davon abzulassen.

Schnell ist man dann bei den Begriffen „Sucht“ und „Drogen“. Im aktuellen Drogen- und Suchtbericht 2016 ist etwa von 560.000 Onlinesüchtigen die Rede. Doch diese Begriffe bieten ein weites Feld für Diskussionen zur menschlichen Autonomie und Selbstbestimmtheit. Denn richtig konsequent haben wir diesen Themenkomplex in unserer Gesellschaft nicht geregelt. Während Alkohol und Zigaretten frei verkäuflich sind, gilt dies für Cannabis und andere Drogen nicht. Zum Thema Drogen gibt es sogar ein ganzes Gesetz – das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Dieses stellt nicht nur den Verkauf und Handel der betroffenen Stoffe unter Strafe, sondern bereits deren Besitz.

Allen diesen Sucht-Förderern ist eines gemeinsam: Sie sind dinglicher Natur und haben physiologisch nachweisbare Effekte auf unseren Körper. Der Umfang, in dem sich unser Gesetzgeber um die verschiedenen Stoffe und Verbote kümmert, scheint recht willkürlich gewählt zu sein. Die unterschiedlich strengen Regelungen für die einzelnen Genussmittel sind bestenfalls kulturhistorisch zu erklären, jedenfalls nicht über ihre Gefährdungspotenziale oder ihre Suchtgefahren.

Nicht mehr dinglich/stofflich, aber etwas besser reglementiert ist das Thema Glücksspiel: Man darf es erst ab 18 Jahren machen und alles ist gut, solange der Staat eine ordentliche Scheibe des Verdienstes abbekommt. Die Kollateralschäden der Suchtkranken nimmt der Gesetzgeber in Kauf, denn immerhin werden über Lotterien, Spielcasinos und Automaten beträchtliche Summen in die staatlichen Kassen gespült.

Verlust der Impulskontrolle

Für die Wissenschaft ist die Spielsucht eine pathologische Störung der Impulskontrolle. Der Mechanismus, der zum Verlust der Impulskontrolle führt, ist einfach zu konstruieren und  anzuwenden:

  • Teil 1: Einschränkung der Realität auf einige wenige Auswahlmöglichkeiten. Wenn Magier uns verführen, tun sie dies, indem sie uns einige wenige Alternativen zum Entscheiden geben und uns damit vorgaukeln, dass wir selber entschieden haben. Diese Methode nennt man Framing.
  • Teil 2: „variable Belohnung“ – Tiere und Menschen lassen sich am einfachsten zu Handlungen verführen, wenn nicht ganz klar ist wann die Belohnung kommt. Das ist das Prinzip der einarmigen Banditen, die bei einigen von uns zur Spielsucht führen kann.

Digitale Drogen

Und genau die perfekte Mischung, um bei möglichst vielen von uns die Impulskontrolle außer Kraft zu setzen, schleppen wir in Form unserer Smartphones inzwischen freiwillig immer mit uns herum: E-Mails, Newsticker, WhatsApp – all diese Konzepte belohnen uns unregelmäßig mit einer kleinen Form der sozialen Teilhabe und schränken dabei massiv unseren Blick auf die Realität ein. Ob unsere Smartphones damit die digitale Transformation von Drogen oder digitale Drogen sind, bleibt erstmal offen.

“Smartphones: die perfekte Mischung, um unsere Impulskontrolle außer Kraft zu setzen #Spielsucht“

Twittern WhatsApp

Ist es wirklich richtig, dass wir von allen Menschen erwarten, dass sie den Umgang mit dieser Herausforderung selber geregelt bekommen? Schließlich gibt es für viele potentielle Suchtgefahren wie Schokolade, Action Thrill wie Bungee Jumping oder Fernsehen keinerlei Regelungen. Oder sollten wir beim Umgang mit Smartphones und Computerspielen eingreifen?

Freiheit über alles

Nach dem Staat zu unserem Schutze zu rufen, scheint bei der grundsätzlich unklaren Gesamtlage eher aussichtslos. Außerdem höre ich die Freiheitsliebhaber schon Worte wie „Zensur“ oder „Bevormundung“ rufen. Und genau das ist unser Dilemma: Es geht nicht um einen dinglichen Stoff, sondern um Informationen, die unsere Mechanismen zur Informations-Verarbeitung austricksen. Und in unserer aktuellen Kultur ist die Freiheit von Informationen mit Begriffen wie Pressefreiheit und Meinungsfreiheit einseitig vorbelegt und versperrt uns den Blick auf jegliche Form von Einschränkungen von Informationsflüssen.

Was können wir tun?

Also könnten wir als Verbraucher um einen Kodex zur industriellen Selbstkontrolle beim Design von Apps und Webseiten kämpfen. Bitte, liebes Facebook und Google, designt eure Oberflächen demnächst so, dass wir uns Nutzer nicht wie in der Spielhölle fühlen!

Vielleicht fordern und erwarten wir als User aber auch einfach Respekt beim Umgang mit uns als Menschen. Spielt nicht mit unseren Schwächen, liebe UX Designer! Ein Aufruf für Faires Design, quasi!

Wir wollen von Euch technische Hilfsmittel, die uns Menschen dienen und uns stärker machen. Und keine Apps, die unsere Schwächen ausnutzen.

Wir erwarten von Euch, dass Ihr mit unserer Aufmerksamkeit genauso umgeht, wie wir es beim Thema Digitale Souveränität unserer privaten Daten (Datenschutz) und bei den Menschenrechten verlangen!

Aber wird es wirklich ausreichen, dass wir Verbraucher unsere Erwartungen formulieren? Bei unserem Ruf nach Privatheit (vor dem Staat) erhören uns die großen Konzerne ja scheinbar (um sich gegenüber den Staaten abzugrenzen).

Computerspiele als Informations-Waffen

Neben den suchtfördernden Smartphones mit den normalen Messaging Apps und Emails gibt es auch noch eine weitaus schlimmere Gattung von Algorithmen auf unseren Tablets und Smartphones: Computerspiele. In geradezu perfider Form nutzen sie die menschlichen Schwächen der Informations- und Reizverarbeitung aus und sind damit so etwas wie  „Informations-Waffen“.

“Computerspiele als Informations-Waffen: wir brauchen eine neue Medienklassifikation #Onlinesucht“

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Hier kommen wir realistisch mit Selbstkontrolle nicht richtig weiter und das normale Muster der Medien-Klassifikation über Gewalt und sexuelle Freizügigkeiten (Altersfreigaben) trifft nicht im Ansatz den Kern des Gefährdungs-Potenzials.

Es wird Zeit, dass sich die Juristen endlich etwas einfallen lassen, wie wir in unserem Rechtssystem mit digitalen Informationen und der Verarbeitung dieser Informationen in unseren Hirnen umgehen können und sollten.

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