Wer braucht heute noch Fernsehen?

Wer braucht heute noch Fernsehen?

Digitalisierung 4 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Ach, war das schön mit Formaten wie „Blacky“ Fuchsberger, Wim Tölke, Dalli Dalli oder „Wetten dass?!“: Abends zu einer bestimmen Zeit auf der Couch lümmeln und gucken und am nächsten Morgen in der der Schule oder bei der Arbeit darüber unterhalten. Heute stören nicht nur die über 50 TV-Kanäle diesen einst antrainierten Ablauf der gesellschaftlichen Teilhabe.

Lineares Fernsehen – Was war das noch?

In der breiten Welt der Video-Formate muss man heute schon das Adjektiv „linear“ für die Definition ergänzen: Wir reden über das Fernsehen, das Sender die letzten 60 Jahre in den Äther geblasen haben. Einfach ausgestrahlt, ohne Rückkanal.

Die perfekt Bindung an Zeit (die Tagesschau beginnt genau um 20 Uhr), Ort (das heimische Wohnzimmer) und Gerät, eben DEN Fernseher. Ganz Verwegene hatten einen weiteren Fernseher im Schlafzimmer oder gar im Kinderzimmer.

Heute kann man auf jedem Tablet oder Smartphone fernsehen: Apps und Dienste wie Zattoo oder Magine heben den Ortsbezug und die Gerätebindung auf. Aber die Linearität bleibt bestehen: Die Tagesschau beginnt auch in der mobilen Welt um 20:00 Uhr.

Doch auch der Zeitbezug lässt sich aufheben: Mit dem Dienst YouTV werden alle Kanäle aufgezeichnet. So kann man ohne den früheren Videorekorder-Effekt und vorheriges Programmieren der Aufnahmezeit einfach eine ganze Woche in die Vergangenheit schauen und sich auf jedem beliebigen Kanal ansehen, was in der letzten Woche ausgestrahlt wurde.

Damit scheinen alle Nachteile des Fernsehens aufgehoben zu sein – alles könnte so schön sein.

Kabelnetzbetreiber und Internetprovider

Früher gab es Fernsehen mal über Sendeanlagen und man benötigte Antennen auf dem Dach. Dann haben die Kabelnetzbetreiber das Fernsehsignal in Kabel gepackt. Heute kommt über Kabel (Koax oder 2-Draht) oder Glasfaser eigentlich nur noch eins ins Haus: Das Internet. Um sich im Preiskampf unterscheiden können, bündeln die Provider ihre Leistungen mit Content, äh Fernsehen.

“Fernsehen: eine Technologie, deren Zeit schon längst abgelaufen ist“

Twittern WhatsApp

Egal ob Horizon Go (Unitymedia), Vodafone MobileTV oder Telekom Entertain: alle ermöglichen lineares Fernsehen über das Internet und damit mobil.

Daran wird klar: Fernsehen ist eine Technologie, deren Zyklus bereits komplett abgelaufen ist, aber eine ganze Menge Menschen hängt noch daran.

Social Media beschleunigt den Untergang

Der frühere Talk mit den Kollegen am nächsten Morgen kann jetzt parallel zum Geschehen per WhatsApp, Twitter oder Facebook erfolgen. So hatten die Verantwortlichen in den Sendern mit den „2nd Screen“ gehofft.

In der Realität liefern die Social Media Plattformen den Content gleich frei Haus und greifen damit nicht nur das Fernsehen, sondern auch die gesamte Print-Medienwelt an.

Ist Live-Berichterstattung die Zukunft?

Klar, Filme und Talkshows kann man auch anders schauen. Aber bei der Live Berichterstattung von Sport, Konzert und Nachrichten, da hat das Fernsehen die Nase vorn. Doch auch in diesem Segment bilden sich neue digitale Plattformen:

Sport1 hat gerade mit iM Football eine App herausgebracht, in der man Content zu Live Ereignissen sehen und mit Freunden und Gleichgesinnten darüber diskutieren kann. Entwickelt wurde die App übrigens in der Digitalregion Aachen.

In Berlin tüftelt das Startup idagio im Bereich der klassischen Musik an einem ähnlichen Konzept: Wie können Live-Konzerte, unsere gesamte (Klassik-) Plattensammlung und der Austausch mit Gleichgesinnten und Künstlern in eine App auf´s Smartphone kommen?

Auch die Nachrichten Live-Schaltung wird mit Unterstützung von deutscher Technologie einen Dämpfer bekommen: Waren Live-Berichte bisher der Inbegriff von Authentizität, so werden wir in Zukunft nicht mal bei einem Video des amerikanischen Präsidenten sicher sein, ob er das wirklich so gesagt hat.

Fazit

Die Zeit des guten alten Fernsehens ist vorbei. Jede Sparte kann mit einem Baustein aus der neuen Medienwelt besser abgedeckt werden. Anders als beim Journalismus für die digitale Welt geht es hier nicht um eine digitale Transformation, sondern schlicht um eine Ablösung.

Aber warum hängen noch so viele an der Konsumdroge Fernsehen? Unerreichbarer Nutzen: Mit einem Klick absolut sinnfreie Ablenkung am gemütlichsten Ort der Welt, dem heimischen Sofa. Einfach in den linearen Strom der über 50 Kanäle eintauchen und sich absolut passiv mittragen lassen. Kein Grund stolz zu sein.

"Wer braucht heute noch Fernsehen?"