Warum wir statt über Datenschutz lieber über das Thema Vertrauen diskutieren sollten

Warum wir statt über Datenschutz lieber über das Thema Vertrauen diskutieren sollten

Digitalisierung 5 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist die Welt zum Thema Datenschutz in zwei Lager gespalten. Die einen meinen, dass wir eh keine Chance haben gegen diese übermächtige dunkle Gewalt, die uns quasi überall ausspähen kann. Die anderen geben sich kampfeslustig und behaupten, man könne sich mit mehr Verschlüsselung zur Wehr setzen.

Warum der Datenschutz in Deutschland einmalig ist

Der deutsche Datenschutz ist von seiner Idee einmalig in der Welt, weil darin das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verankert ist. Das bedeutet, dass jeder Einzelne von uns über jeden Teil seiner Daten, die ein anderer über ihn speichert, selbst bestimmen können muss. So lange Sie in Ihrem Kopf etwas über mich denken ist alles erlaubt. Doch sobald Sie es nur als einfache Notiz auf einem datenverarbeitenden System (Computer) speichern, müssen Sie diese Daten vor dem Zugriff anderer schützen.

Damit geht der deutsche Datenschutz in der Individualisierung der Rechte eines Einzelnen weiter als alle anderen Rechtssysteme auf unserem Planeten.

(Auf der anderen Seite ist es in der Gesellschaft üblich, dass wir Persönlichkeitsrechte zugunsten des Gemeinwohls abgeben, damit Gemeinschaften organisierbar sind. So dürfen wir in immer mehr Ländern nicht mehr in der Öffentlichkeit rauchen, oder auf der Autobahn nicht so schnell fahren wie wir wollen.)

Vertrauen beginnt, wo das Verstehen aufhört

Das Problem an der heutigen Technik ist, dass wir sie als Einzelner nicht mehr überblicken können. Daher benötigen wir Vertrauen in die Hersteller unserer Smartphones, die Betreiber von digitalen Services wie Facebook, Google und die Mobilfunkanbieter.

Dieses Vertrauen haben die USA mit der NSA, aber auch der deutsche Staat missbraucht, indem sie Daten ohne unser Wissen gesammelt und aggregiert haben, obwohl keinerlei rechtsstaatlicher Beschluss zur Überwachung vorlag.

Da verwundert es nicht, dass die großen Unternehmen auf eigene Faust versuchen, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen.

Apples Vertrauens-Offensive

Apple CEO Tim Cook legt sich mit dem FBI an und legt Wert darauf, dass Apple ein iPhone, welches von einem Attentäter genutzt wurde, nicht knackt, um die Daten dem FBI zur Verfügung zu stellen.

Das Bemerkenswerte daran: das Hauptargument zielt darauf ab, keinen Präzedenzfall zu schaffen, bei dem auch nur ein einziges Gerät durch den Hersteller Apple entschlüsselt wird. Dabei hat Apple über Jahre hinweg Daten eines jeden Bürgers ohne richterlichen Beschluss an die NSA übertragen.

Und jetzt wird über einen Fall diskutiert, bei dem es in jedem Rechtssystem (auch dem deutschen) klar ist, dass den Gemeinschaftsinteressen aufgrund eines richterlichen Beschlusses Vorrang zu geben ist gegenüber dem Interesse des Einzelnen auf Schutz seiner Daten.

Apple nutzt diesen Fall also, um das Vertrauen von uns Verbrauchern zurück zu erlangen und öffentlich darzulegen, dass das Unternehmen keine privaten Daten mehr an Dritte herausgibt.

“Wie sicher sind die Daten auf unseren Smartphones? Eine Frage des Blickwinkels und des Vertrauens… “

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Google zieht nach

Google fährt einen ähnlichen Kurs: Im Algorithmus der Suchmaschine werden neuerdings verschlüsselte Webseiten bevorzugt, auch wenn sie öffentliche Informationen enthalten, für die keinerlei Schutzbedarf besteht. Die Nachricht ist klar: Google kümmert sich darum, dass unsere Daten geschützt werden.

Da wir als Verbraucher Google eh nicht abnehmen, dass das Unternehmen unsere Daten nicht zum eigenen Vorteil verwendet, ist hier die Botschaft etwas anders als bei Apple. Aber im Kern geht sie in die gleiche Richtung: Wir als Google sorgen ab jetzt dafür, dass unsere Regierung nicht mehr mitlesen kann.

Beide Unternehmen machen damit klar, dass die Nutzer ihnen jetzt wieder vertrauen können, unseren Staaten aber weiterhin nicht.

Warum der Staat sich nicht mehr um den Schutz unserer Daten kümmern wird

Und genau daran werden wir uns gewöhnen müssen: Der Staat wird sich in Zukunft nicht mehr um den Schutz unserer Daten kümmern können und wollen.

Das Vertrauen in unsere Staaten in puncto Datenschutz wird in absehbarer Zeit auch nicht wieder hergestellt werden können. Bei der NSA sowieso nicht. Und in Deutschland regt Peter Altmeyer an, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu überdenken.

Vor der digitalen Transformation unserer Gesellschaft war der Staat die zentrale Datensammelstelle und die Datenschutzgesetze haben vor allem geregelt, was der Staat mit unseren Daten machen darf. Heute verfügen Unternehmen über die wertvollen Daten und der Staat kann seine Macht nur erhalten, wenn er Zugriff auf diese Daten hat. Daher können unsere Staaten uns nicht mehr in allen Belangen rund um unsere Daten schützen.

Wir müssen uns entscheiden, wem wir vertrauen

Wir werden uns also daran gewöhnen müssen, dass wir Unternehmen unsere persönlichen Daten anvertrauen. Es ist absolut falsch, die Haltung einzunehmen, dass wir sowieso keine Chance haben, weil wir all dies nicht mehr überblicken können. Wir werden Kompetenz darin aufbauen müssen, herauszufinden, welchem Unternehmen wir welchen Teil unserer Daten zugänglich machen können und wollen.

“Wir sollten Kompetenz entwickeln, herauszufinden, wem wir unsere Daten anvertrauen können“

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Denn auf dem einzelnen Smartphone geht es nicht nur um Apple und Google, sondern um alle Dienste-Anbieter. Ob Musikstreaming mit Spotify, Speichern der Urlaubsbilder in diversen Cloud-Diensten oder Navigation mit Navigon: All diese Dienste sammeln Daten über uns! Wir sollten anfangen, uns dafür zu interessieren, wie diese Unternehmen mit unseren Daten umgehen und ob wir ihnen vertrauen können.

Weder der Ansatz, sich auf den Staat zu verlassen, noch die „Egal“-Mentalität sind der richtige Weg. Vertrauen zwischen uns Verbrauchern und den Dienste-Anbietern kann nur entstehen, wenn wir nachfragen, nachhaken und es uns nicht egal ist, was mit unseren Daten geschieht.

"Warum wir statt über Datenschutz lieber über das Thema Vertrauen diskutieren sollten"