Warum so viele von uns ein gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Stimme haben
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Christiane Wolff Expertin für Unternehmenskommunikation

Warum so viele von uns ein gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Stimme haben

Warum finden es fast alle Menschen schrecklich, ihre eigene Stimme zu hören? Kann man eine angenehmere Stimme trainieren und was sagt unsere Stimme über unsere Persönlichkeit aus? Nicola Tiggeler ist Sprechtrainerin und weiß Antworten.

Die Bedeutung unserer Stimme

Nicola Tiggeler ist in ihrem Job als Schauspielerin in vielen TV-Filmen und Serien zu sehen, sie spielt in verschiedenen Theaterproduktionen und arbeitet auch als Sprecherin und Moderatorin. Sie unterrichtet Menschen in stimm- und sprechintensiven Berufen als Stimmlehrerin an verschiedenen Hochschulen und in Einzelcoachings, Seminaren und Trainings. Außerdem bietet sie spezielles Stimm-Coaching für Frauen an. Ein Gespräch über Stimmen.

Was bedeutet Stimme für dich?

„Seit es mich gibt, zumindest seit ich denken kann, ist Stimme ,mein Ding’. Mit vier Jahren habe ich beschlossen, Opernsängerin zu werden und seither habe ich alles ausprobiert, was meine Stimme kann: singen, sprechen, spielen, lesen, moderieren…“

Was fasziniert dich an dem Thema Stimme?

Die Stimme ist so wichtig und wird so oft unterschätzt! Um unsere Optik kümmern wir uns meistens ausgiebig oder zumindest bewusst, aber die Stimme soll einfach funktionieren, fertig. Dabei äußert unsere Stimme ganz unmittelbar unsere Stimmung: Sie erzählt, wie wir uns fühlen, ob wir zu dem stehen, was wir sagen, ob wir im Einklang mit uns sind. Und: Jede Stimme ist einzigartig, es gibt sie wirklich nur einmal auf der ganzen Welt.“

Dein Mann ist auch Schauspieler. Hast du dich zuerst in deine Stimme verliebt?

„Wenn ich ganz ehrlich bin: nein! Ich habe ihn am Theater kennengelernt, er war gerade mal 25 Jahre alt und sah einfach unfassbar gut aus. Insofern fiel er mir gleich auf, obwohl wir nur wenige Berührungspunkte hatten. Später habe ich dann festgestellt, dass er Gottseidank auch eine sehr schöne Stimme hat…“

Achtest du denn bei jedem Menschen zuerst auf seine Stimme? Und gibt es Menschen, die keine schöne Stimme haben?

„Ich bin tatsächlich ein sehr akustischer Mensch. Und durch meine Arbeit bin ich daran gewöhnt, auch die Zwischentöne und die wirkliche Botschaft zu hören. Oft sind Äußerungen nicht ,stimmig’, wenn das ,Wie’ nicht zum ,Was’ passt.

Ich glaube nicht, dass Menschen mit hässlichen Stimmen geboren werden, sondern dass die passende persönliche Stimme mitgegeben wurde. Es gibt nur leider eine Menge Möglichkeiten, diese persönliche und freie Stimme im Laufe des Lebens durch körperliche und seelische Verspannungen zu behindern. Sie einzuengen, klein zu machen oder durch unschöne Sprechverhaltensweisen die eigene Wirkung zu minimieren. Diese Verspannungen und Angewohnheiten sind erworben und nicht angeboren, deswegen können wir sie auch wieder verändern, wenn wir wollen.“

Die meisten Menschen finden ihre eigene Stimme erst mal schrecklich, wenn sie sie das erste Mal zum Beispiel auf Band hören. Was kann man dagegen tun?

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen gar kein oder wenn, dann ein schlechtes Verhältnis zu ihrer eigenen Akustik haben. Zum Beispiel kenne ich kaum jemanden, der seine eigene Ansage auf dem Anrufbeantworter oder der Mailbox mag. Also, mein erster Rat: sich immer wieder aufnehmen und anhören, sich an den eigenen Klang gewöhnen. Und beispielsweise vor wichtigen Präsentationen mindestens den Anfang und das Ende laut üben und aufnehmen. Oder die Kernbotschaften, die man bei einem Meeting unbedingt rüberbringen will, selber anhören: Klinge ich überzeugend und motivierend? Wie ist mein Tempo, meine Dynamik? Habe ich störende Angewohnheiten wie zum Beispiel ,Ähs’ oder Füllwörter drin?, und so weiter. Vieles kann man selbst durch Selbst-Bewusstsein und Aufmerksamkeit gut korrigieren. “

Warum sollte sich jeder mit dem Thema Stimme beschäftigen?

„Überspitzt gesagt: ,Voice sells’. Eine angenehme, überzeugende Stimme und ein gutes Sprechverhalten ist für wirklich jeden wichtig. Wenn man mich fragt: lebenswichtig! Egal, in welchem Beruf man arbeitet.“

Frauen haben oft eine piepsige oder zu hohe Stimme und werden dadurch oft nicht ernst genommen. Kann man daran arbeiten?

„Ganz klar: ja! Es gibt viele Möglichkeiten, die Stimme wärmer, voller und angenehmer klingen zu lassen. Und ganz wichtig dabei: Es geht nie darum, die eigene Stimme zu verstellen, sondern das vorhandene Potenzial voll auszuschöpfen.“

In deinem Buch sind ganz viele Übungen. Wir alle haben aber nur ganz wenig Zeit. Wenn ich wirklich nur fünf Minuten am Tag habe: Was mache ich in diesen 5 Minuten am besten, um meine Stimme zu trainieren?

„Die Beschäftigung mit der eigenen Stimme ist immer auch die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit, und das ist gut so… Insofern sollte man da ruhig etwas Bewusstsein und Zeit investieren. Im Einzelcoaching oder in Seminaren kann man mit einem guten Stimmtrainer sehr bald und effektiv die Basis-Übungen lernen. Und dann ist es überhaupt kein Problem, mit einem eigenen Mini-5-Minuten-Programm die Stimme weiterzuentwickeln oder aufzuwärmen.“

Hast du Tricks, die ich in meinen Alltag integrieren kann?

„Es gibt kein Zauberrezept. Aber wenn ich ein Bewusstsein entwickele für die drei Grundpfeiler einer entspannten und überzeugenden Persönlichkeit, nämlich: Haltung – Atem – Stimme, dann reichen schon kleine Erinnerungsanker. Und erfreulicherweise werden diese positiven Anker irgendwann vom eigenen System übernommen und man muss nicht mehr dran denken.“

Du stehst selber ja viel auf der Bühne oder gibst Workshops. Wie schaffst du es trotz Lampenfieber (ich gehe jetzt mal davon aus, dass auch du ein wenig Lampenfieber hast), eine ruhige und klare Stimme zu haben?

„Das ist eine Frage der Atemtechnik und der mentalen Einstellung, und damit lernbar. Ich sage gerne: ,Lampen-Angst’ ist blöd, weil es verhindert, dass ich meine volle Größe zeige. Lampen-Fieber ist wichtig, hilfreich und kann man gut in ,Lampen-Freude’ verwandeln.“

Verrätst du uns zu guter letzt noch deine Lieblingsstimme weiblich und männlich?

„Die meiner Kinder (lacht)“.


Fazit

Wenn Nicola sich bei mir meldet hoffe ich immer, dass Sie mir eine Voicemail und keine SMS oder WhatsApp Nachricht sendet. Es macht einfach Gänsehaut, wenn sie spricht. Und wir alle kennen das ja – eine schöne Stimme kann entzücken, eine tiefe Stimme beruhigen und eine feste Stimme überzeugen. In der Kommunikation ist Stimme daher ein wichtiges Instrument, was es sich zu pflegen lohnt. Ich habe bei Nicola bereits ein Stimmworkshop besucht und kann nur sagen: hingehen, mit der eigenen Stimme spielen und dabei lernen, mit Sprache und Stimme noch bewusster umzugehen. Ihr neues Buch gibt dazu theoretischen Einblick und empfiehlt tolle Übungen!



Ersterscheinung auf EDITION F
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