Experten warnen vor weltweiter Cloud-Krise

Experten warnen vor weltweiter Cloud-Krise

Digitalisierung 6 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Warum die Konzentration auf wenige Cloud-Monopolisten uns wesentlich schlimmer treffen kann als die Finanzkrise 2008.

„Nur 10 Jahre nach der Finanzkrise im Jahr 2008 wird eine andere Krise die Menschen weltweit beschäftigen und für eine massive Gefährdung unseres Wohlstandes sorgen. Absehbar ist diese Krise für Experten schon heute. Die großen Cloud-Anbieter Amazon, Google, Microsoft und IBM teilen sich heute bereits fast 50 Prozent des Marktanteils. Bis zum Jahr 2018 wird ihr Anteil bei über 80 Prozent liegen. Was die meisten Menschen sich angesichts dieser Zahlen nicht bewusst machen, ist die massive Zentralisierung von Macht und die Gefahr von falsch geplanten Services. Im Jahr 2015 musste Google zum ersten Mal öffentlich einen Datenverlust für Businesskunden in einem belgischen Rechenzentrum zugeben. Auch bei Amazon kam es in diesem Jahr vermehrt zu Problemen, die selbst große Dienste wie Netflix in die Knie gezwungen haben. Bemerkenswert daran sind nicht die technischen Probleme an sich, denn letztlich wird es jedes von Menschen geschaffene System einmal treffen. Das Problem ist die System-Relevanz. Und das hatten wir schon mal: im Jahr 2008 bei der Bankenkrise. Genau wie heute in der digitalen Welt haben wir in den Jahr(zehnt)en zuvor ein auf den verschiedensten Ebenen miteinander verwobenes Finanzsystem aufgebaut, welches letztlich nur von wenigen Riesen-Instituten betrieben wurde (und wird). Und die waren in der Krise dann „too big to Fail“ und wir mussten sie mit Steuermitteln retten.
Und genau dieses Szenario wird uns im Cloud-Markt für Business-Kunden treffen, wenn wir weitermachen wie bisher. Wenn eines Tages der Flughafen nicht funktioniert, weil einer der großen Cloud-Anbieter ein Problem hat, wird es keinen Schadensersatz und keine Verbesserung der Situation für die Zukunft geben, denn wir werden die großen Anbieter als „too big to Fail“ einstufen und ihnen Sonderprivilegien geben müssen. Wieder einmal werden wir die Probleme sozialisieren und die Allgemeinheit wird den Schaden bezahlen.“

 

Utopisch? Nein, genauso kann es schon bald kommen, wenn wir nicht gegensteuern. Und das ist eigentlich einfach.

Die klassischen Economies of Scale sind für die Cloud-Welt nur bedingt anwendbar

Der Begriff der Economies of Scale hat unsere Denkmuster über Jahrzehnte hinweg geprägt – und tut es noch heute. Wir gehen davon aus, dass diese Riesen-Unternehmen einen Vorteil produzieren müssen, wenn sie überall auf der Welt gigantische Rechenzentren aufbauen und uns ihre Leistungen als Service anbieten. Diese Annahme ist jedoch falsch, denn die Vorteile der Economies of Scale im  Rechenzentrums- Geschäft  sind geringer als man annimmt. Vor allem im Bereich von 10 bis hin zu einigen 100 Servern lassen sich ansehnliche Beträge durch die Skalierung einsparen. Aber beim Betrieb von 10.000 oder 100.000 Servern ist der Unterschied gar nicht mehr so groß – der Kostenvorteil liegt hier unter 3 Prozent. Damit können schon Rechenzentrums- und Cloud- Anbieter mit weniger als 300 Schränken weltweit interessante und relevante Dienste anbieten. Schaut man sich die deutsche RZ-Landschaft an, so sind dies vor allem die Mittelständler.

Schneller – besser – fragiler?

Der Vorteil der immensen Zentralisierung, der vor allem in der Startup-Welt zählt, heißt Agilität. Wir haben es im Zeitalter der Digitalisierung zum Dogma erklärt, dass schneller besser ist. Und auf einmal geht es bei schneller nicht mehr um wirkliche Geschwindigkeit (Strecke pro Zeit), sondern um eine Abkürzung, also weniger Strecke, und die ruhig mit etwas geringerer Geschwindigkeit. Denn wegen der kürzeren Strecke kommt man ohne Nachdenken vermeintlich früher an. Da ist es dann von Vorteil, wenn alle diesen Weg gehen, wenn man mehr Menschen auf vorgetrampelten Pfaden folgen kann. Dadurch gibt es mehr AWS (Amazon Web Service) Spezialisten, die weniger nachdenken müssen, um dann schneller eine Lösung zusammen zu zimmern. Diesen vermeintlichen Vorteil bezahlen wir mit einer verheerenden Monokultur unserer Softwarearchitekturen, die uns noch Jahrzehnte lang mit fragilen Konstrukten versorgen wird.

“Warum uns die weltweite Cloud-Krise viel schlimmer treffen kann als die Finanzkrise“

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Schwarze Schwäne als Risiko für unsere Verkehrsströme

Und durch diesen riesigen systemischen Nachteil müssen wir nicht nur fragile Business- Anwendungen in Kauf nehmen, sondern auch erhöhte Risiken beim Betrieb der Anwendungen und Dienste akzeptieren. Wenn die Google DNS-Server wackeln, dann bemerkt man das schon heute an vielen Diensten im Internet. Damit ist nicht gemeint, dass vielleicht 100 Millionen Menschen nicht mehr auf ihre Email-Konten zugreifen können. Das wird ärgerlich sein, aber nicht systemrelevant. Wenn wir aber weiterhin die Steuerung von Kraftwerken, die Steuerung der Geldflüsse und unsere Prozesse der Verkehrslogistik an einige wenige Anbieter auslagern, erhöhen wir damit die systemischen Risiken der schwarzen Schwäne erheblich – und vor allem völlig unnötig.

Gefährlich ist nicht die Cloud, sondern die Cloud-Monopole

Dabei geht es nicht darum, diese Geschäftsprozesse gar nicht in Rechenzentren – die Cloud – auszulagern, sondern dies nicht einer Monokultur zu überlassen, indem wir Amazon mit AWS und Google einfach zum Standard erklären und in Zukunft nur noch deren Schnittstellen nutzen. Es geht darum, mit eigenem Grips Anwendungen und Dienste als sichere Plattformen aufzubauen, die sowohl bei Amazon und Google, aber eben auch in einem oder mehreren der vielen mittelständischen Rechenzentren laufen.

Wir brauchen Managementkonzepte, die Automatisierung, Skalierung und effizienten Betrieb unabhängig vom gewählten RZ-Anbieter ermöglichen. Nur so können robuste und nachhaltige digitale Prozesse entstehen, die unsere zukünftige digitale Gesellschaft tragen können. Wir sollten uns nicht im nächsten Bereich abhängig von Pestiziden und genmanipulierten Saatgut machen, um unsere Gesellschaft mit digitalen Services zu versorgen.

Multisourcing oder Hybrid Cloud als robuste und skalierbare Lösung

Unsere Anwendungen und Dienste werden robuster und besser, wenn erfahrene Softwareentwickler, Systemarchitekten und Betriebs-Spezialisten die Möglichkeiten zur Skalierung in die Genetik der Anwendungen für digitale Geschäftsmodelle einbauen und sich dabei nicht auf die vorgefertigten Automatisierungs- und Orchestrierungsbausteine der großen Cloud-Anbieter verlassen.

Diesen Ansatz kann man gemeinhin als Multisourcing Cloud Lösung bezeichnen; wahrscheinlich wird sich der Begriff der Hybrid Cloud für diese Szenarien in Zukunft durchsetzen, auch wenn er heute anders besetzt ist. Wichtig ist, dass es sich bei dem Multi (Sourcing) nicht um die großen Clouds der Multis handelt!

 

Disclaimer: Der Autor ist Geschäftsführer eines mittelständischen deutschen RZ-Verbundes und Cloud-Anbieters, der schon viele Multisourcing-Projekte für große „as-a-Service“ und Plattform-Kunden erfolgreich umgesetzt hat

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