Bei Top-Positionen werden Frauen systematisch übergangen

Bei Top-Positionen werden Frauen systematisch übergangen

Kommunikation 7 min. Lesezeit
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Christiane Wolff Expertin für Unternehmenskommunikation

Sylvia Tarves ist eine Pionierin, wenn es darum geht, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Christiane Wolff hat mit ihr gesprochen.

Headhunterin für weibliche Führungskräfte

Sylvia Tarves ist eine Macherin. Und sie macht viel dafür, dass Frauen und Männer gemeinsam erfolgreich sind – seit fünf Jahren gibt es die „Mixed Leadership“- Konferenz, die dieses Jahr am 10. März in München stattfindet. Darüber hinaus ist Sylvia Tarves die erste und einzige Personalberaterin, die exklusiv Frauen für Manager- und Aufsichtsratsposten vermittelt. Ich habe mit ihr über Leadership, Karriere und natürlich auch die Frauenquote gesprochen.


Warum brauchen wir auch 2016 noch eine „Mixed Leadership“-Konferenz?

„Weil aktuell in Deutschland nur knapp fünf Prozent Frauen in Top-Entscheider-Positionen sind. Das entspricht absolut nicht der Anzahl der hochqualifizierten Frauen in den Unternehmen.“

„Digital Leadership“ lautet der Untertitel der Veranstaltung. Welche Chancen bietet Digital Leadership in Bezug auf Mixed Leadership?

„Die Digitalisierung erfordert deutlich andere Arbeits- und Führungskulturen, demzufolge auch andere Karrieremuster und Auswahlkriterien. Das ist die Chance, nachhaltig mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren und Mixed Leadership in Deutschland zu erreichen.“

Was ist dein persönlicher Auftrag beziehungsweise warum engagierst du dich so für das Thema Mixed Leadership?

„Als ich 2009 eine Personalberatung für die Vermittlung von Managerinnen, ,Leading Women’, mit der Idee gegründet habe, dass Female Recruiting anders funktioniert, wusste ich nicht, wie anders! In diesen sieben Jahren habe ich unglaublich viel und teilweise auch schmerzhaft gelernt, dass Deutschland beim Thema ,Frauen in Führungspositionen’ ein Entwicklungsland ist. Das wollte ich ändern und rief blauäugig und mutig die erste ,Mixed Leadership Conference’ ins Leben. Das Ziel war und ist, Stolpersteine für Frauen, die Karriere machen wollen, zu eliminieren und den Kulturwandel in den Unternehmen anzustoßen.“

In deinem täglichen Job hast du es seit vielen Jahren mit der Vermittlung von weiblichen Führungskräften und Aufsichtsrätinnen zu tun. Was hat sich deiner Ansicht nach in den letzten zehn Jahren geändert und was muss sich noch ändern, damit es einen höherenFrauenanteil gibt?

„Vor zehn Jahren war es uns noch gar nicht wirklich bewusst, dass das ,A Man’s World’ in den Top-Etagen der Unternehmen ist beziehungsweise wir haben es stumm hingenommen, da Frauen oft die Fehler immer zuerst bei sich suchen. Eine Männerquote von 99,9 Prozent in den Entscheider-Positionen wurde als normal eingestuft. Seit fast fünf Jahren ist das Thema ,mehr Frauen in Führungspositionen’ erst in der Gesellschaft unter wirtschaftlichen und nicht feministischen Gesichtspunkten diskutabel. Das Problem ist nicht, die sehr gut ausgebildeten Frauen am Markt zu finden. Das Problem ist, dass wir in Deutschland keine gendergerechten Recruiting – und Auswahlverfahren haben. Das heißt, es wird heute immer noch nach überholten männlichen Karrieremustern ausgewählt. Das müssen wir ändern und das ist unter anderem das Ziel der ,Mixed Leadership Conference’“. Bei der Besetzung von Aufsichtsratsfunktionen wird immer noch im ,Old Boys Network’ gesucht, wo bekanntlich keine oder wenige Frauen sind. Eine weiteres Thema ist, dass es keinen qualitativen Prozess zur Auswahl von Aufsichtsräten gibt und auch keine Anforderungskriterien.“

Was sind die wichtigsten Qualitäten, die eine Führungskraft heute mitbringen muss? Und unterscheidest du dabei zwischen Frauen und Männern?

„Talent ist keine Frage des X- oder Y-Chromosoms, genauso wenig wie Führung. Die Veränderung der Führungskultur vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung in allen Bereichen bedeutet, dass Führungskräfte kooperativer und transparenter agieren sowie offener kommunizieren und stärker in Netzwerken wirken müssen. Diese Eigenschaften schreibt man im Großen und Ganzen mehr Frauen zu. Insgesamt geht es aber immer um die Kompetenzvielfalt beider Geschlechter für den wirtschaftlichen Erfolg.“

Wo und wie lernt man heute eigentlich „richtig“ führen?

„Das ist eine wirklich gute Frage! Meiner Meinung nach muss jetzt dringend der erste Schritt sein, in den Unternehmen neue Leadership-Kriterien zu etablieren und sich von den historisch bedingten, männlichen Erfolgskriterien zu verabschieden. Darauf haben wir Frauen keine Lust und diese sind in der Arbeitswelt 4.0 auch nicht zielführend.“

Welche drei Tipps kannst du Frauen geben, die ihren nächsten Karriereschritt planen?

„Mutig sein, Netzwerken, sich sichtbar machen.“

Wie stehst du zur Frauenquote?

„Früher war ich eher eine Gegnerin der Quote, aber nach sieben Jahren Erfahrung als Personalberaterin, die Managerinnen vermittelt, hat sich meine Meinung geändert. Die Quote öffnet die Türen für kompetente Frauen. Ich bedauere es sehr, dass es immer noch Frauen gibt, die gegen die Quote sind, weil sie meinen, diese schmälere ihre Leistung. Diesen Frauen möchte ich zurufen, dass etwas mehr Mut und Selbstbewusstsein an der Stelle gefragt sind – anstatt die Argumente der antiquierten Denker zu untermauern. 13 Jahre freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen zur Erhöhung des Frauenanteils in den Unternehmen haben Nullkommanichts gebracht. Die Unternehmen haben sich die Frauenquote selbst verdient!“

Hast du aus deiner Berufspraxis Beispiele?

„Vor zwei Jahren hatten wir den Auftrag, eine CFO für ein DAX-Unternehmen zu finden. Nachdem wir die Profile hochqualifizierter Kandidatinnen vorgestellt hatten und nachfragten, kam folgendes Feedback vom CEO: ,Wir müssen leider den Auftrag einfrieren, weil mein Aufsichtsratschef keine Frau im Vorstand möchte.’ Ging es da um Qualifikation? Nein. Ganz sicher würde dieser Aufsichtsratschef heute nach Einführung der Quote anders reagieren.“

Wie hältst du es persönlich mit Netzwerken? Und inwiefern ist Netzwerken ein wichtiger Punkt bei der Karriereplanung?

„Persönlich gehe ich zu vielen gemischten Netzwerkveranstaltungen und mache mich sichtbar. Ja, man muss öfters mal seine Komfortzone verlassen und auf andere zugehen, aber Beziehungsmanagement ist extrem wichtig. Ich beobachte oft, dass gerade Frauen zu wenig nachhaltig und businessorientiert netzwerken. Zum Beispiel ist es in vielen Frauen-Netzwerken so, dass der Austausch untereinander gut funktioniert, es passiert jedoch zu selten, dass Frauen andere Frauen in höhere Positionen empfehlen. Da können wir viel vom Old Boys Network lernen.“

Wer oder was inspiriert persönlich?

„Mich inspirieren die Frauen, die mutig sind und etwas bewegen, wie Sheryl Sandberg oder die Inititatorin der Initiative He 4 She . Viele, die ernsthaft Mädchen und Frauen empowern. Mir gefällt der Slogan von ,UN Women’: ,Wer Frauen stärkt, stärkt die Welt sozial und wirtschaftlich. Wir müssen die Hälfte der Weltbevölkerung beteiligen.’“

Deine drei Lieblingsbücher, wenn es um Karriere und Führung geht?

„Ich finde nach wie vor ,Lean In’ von Sheryl Sandberg gut oder auch ,Anders Denken’ von Deborah Steinborn wichtig und inspirierend. Vorrangig lese ich lieber aktuelle Artikel zu den Themen aus guten Fachzeitungen.“

Wie und wo entspannst du am besten?

„Definitiv beim Joggen. Und Yoga. Aber auch im Kreis von lieben Menschen, mit denen ich herzhaft über die Themen der Welt diskutieren kann.“

Ersterscheinung auf EDITION F / Die Headhunterin Sylvia Tarves erzählt: Bei Top-Positionen werden Frauen systematisch übergangen


Eine kleine Aufmerksamkeit

Ich bin selbst schon ganz gespannt auf die Konferenz. Für alle Leser/-Innen meines Blogs, die bis hierhin gescrollt haben, gibt es eine Ermäßigung um 10 Prozent . Anmelden könnt Ihr Euch auf der Internetseite: von Leading Woman. Tragt dafür im Kommentarfeld einfach „Christiane 10“ ein.

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