„Echtes“ Telefonieren – MegaOut oder Luxus aus einer anderen Welt?

„Echtes“ Telefonieren – MegaOut oder Luxus aus einer anderen Welt?

Digitalisierung 5 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Wie die geteilte Aufmerksamkeit unsere Kommunikationskanäle verstopft hat.

Vom Zaun als erste Verbindung zur Erreichbarkeit auf allen Kanälen

Die erste Telefonkultur hat sich im 19. Jahrhundert in den USA entwickelt, als Farmer die Drähte in den Kuhzäunen zu den Nachbarfarmen zu den ersten Telefonnetzen zusammenschlossen. Damals wurden über das Telefon Gesellschaftsspiele gespielt und ausgiebig geklönt. So ähnlich war das auch in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit den berüchtigten Telefonaten von zwei bis drei Stunden – zumindest wenn die richtigen Frauen miteinander sprachen. Da schaffte Telefonie noch Nähe, die Technik verband uns und ermöglichte den Austausch auch über intime Themen. Ganz persönlich, ganz direkt, ganz unmittelbar. In der Businesswelt hat man sich in diesen Zeiten noch eher getroffen: Das waren die Zeiten der nahezu unendlichen Reisbudgets. Wo zu einem Meeting noch ein Mittagessen gehörte.

Heute sind wir über so viele Kanäle überall und immer miteinander verbunden: Festnetztelefonie, Handy, E-Mail, SMS, WhatsApp, Facebook, Facetime, Skype, iMessage, Hangout, Webex – und das sind nur die wichtigsten. Für spezielle Gruppen wie die Gamer gibt es noch Teamspeak oder Twitch. Und miteinander Treffen kann man sich nicht nur mit seiner realen Identität, sondern zusätzlich auch in den Paralleluniversen der Onlinespiele über seinen Avatar, seine virtuelle Identität.

Kommunikation? Ja, aber bitte nicht so direkt!

Bei dieser Vielfalt ist das gute alte Telefon fast zu direkt. Als Anrufer stört man, fordert ungeteilte Aufmerksamkeit – man platzt einfach irgendwo herein. Dann doch lieber einen kleinen Chat: da kann man mit zehn Personen gleichzeitig in Verbindung stehen. Oder doch besser Email: einfach das Thema abkippen, schon endgültig klären – und- am besten erst gar keinen echten Dialog entstehen lassen.

Früher – einige erinnern sich vielleicht noch an Zeiten, als der Telefonapparat einen festen Standort in der Wohnung hatte – konnte man nach einem längeren Freizeichen des Festnetztelefons davon ausgehen, dass der andere gar nicht im Raum ist und daher den Anruf nicht beantworten kann. Weil dies der wahrscheinlichste Fall war, wäre es auch unhöflich gewesen davon auszugehen, dass der Empfänger nicht ans Telefon gehen wollte – zumal vor den ISDN-Zeiten ja gar nicht klar war, wer am anderen Ende nach ihm verlangt. So einfach war das. Man war gar nicht da, einfach nicht in der Lage zu kommunizieren und es war unmöglich erreicht zu werden, wenn man nicht direkt neben seinem Telefon saß. Und da wir Menschen – von verliebten Teens vielleicht abgesehen – nicht gerade wartend neben dem Telefon ausharren, sondern uns bewegen, war es damals etwas Besonderes, wenn man den Angerufenen ohne Verabredung ans Telefon bekam.

“Überfluss-Kultur der Kommunikation: müssen wir uns rechtfertigen, wenn wir jemandem unsere ungeteilte Aufmerksamkeit widmen?“

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Moderne Technologien – und viel Raum für Psychologie

Heute ist das Telefonieren eine unendlich komplexe Geschichte geworden. „Dran gehen“ kann man immer. Auch wenn man mit dem Kaiser von China zusammen sitzt. Es klingelt und brummt – überall. Wenn man heute die Entscheidung fällt, nicht ans Telefon zu gehen, dann signalisiert man seinem Anrufer: Ich habe etwas Wichtigeres zu tun, als jetzt mit Dir zu sprechen. Oder man lässt den Kaiser von China einfach den Kaiser sein und beantwortet nur mal eben schnell das Telefonat. Und wenn man schon nicht dran gehen kann, wird direkt eine kleine vorbereitete Nachricht gesendet „Kann jetzt nicht sprechen.“ – Für den Empfänger ein echter Informationsgewinn!

Warum müssen wir Menschen uns jetzt schon dafür rechtfertigen, dass wir nur an einem Ort und bei einer Sache gleichzeitig sein können oder wollen?

In der Alles-Gleichzeitig-Welt erscheint uns die direkte unmittelbare Verbindung von einem Menschen zu einem anderen Menschen irgendwie zu direkt. Zu sehr synchrone Echtzeit, zu intim. Da gehen wir doch lieber auf quasi Echtzeit, in den Multitasking-Zeitscheiben-Betrieb: in dieser Welt können wir mit mehreren anderen Individuen „auf einmal“ kommunizieren. In quasi Echtzeit, dazwischen ein wenig digitale Plattform.

Ungeteilte Emotionalität am Telefon sitzt und trifft – mittelbar. Eine schlechte Nachricht in einem von 10 „gleichzeitig“ geführten Kommunikationsverbindungen trifft nicht so hart, quasi nur 10 Prozent.

Aber: wenn wir selber auf einen anderen wirken wollen, dann sind wir auch nur noch 10 Prozent „wert“. – Autsch, der Gedanke schmerzt!

Brauchen wir in Zukunft alle einen digitalen Informations-Kurator?

Liebe Individuen, liebe Mitmenschen – egal wie viele Kanäle um Eure Aufmerksamkeit buhlen: Ihr müsst Euch entscheiden, festlegen. Ihr könnt nicht alles gleichzeitig machen. Da geht uns etwas verloren, das wir Menschen nicht so einfach vervielfachen können mit unserer tollen Technik: ungeteilte Aufmerksamkeit, Fokussierung. Mehr heißt in diesem Kontext nicht besser, sondern ganz bestimmt das Gegenteil.

Wer sich nicht selber helfen kann, fragt am besten einen Experten zu dem Thema: kurz den Kurator, oder den digital Kurator. Er hilft uns dabei, uns im Dickicht der Möglichkeiten zurechtzufinden und bringt unsere Informationskanäle auf ein neues Qualitätsniveau.

“Unsere Kommunikationskanäle sind verstopft. Brauchen wir in Zukunft alle einen digitalen Informations-Kurator?“

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Also beim nächsten Mal wenn keiner ans Telefon geht: ganz einfach keinerlei Unterstellungen und Vermutungen!

Und wenn Ihr Euch denn an der Strippe habt: genießt es! Lasst Euch aufeinander ein. Es ist gar nicht so schlimm und tut auch nicht sooo weh, mal ein paar Minuten auf WhatsApp oder Email zu verzichten!

"„Echtes“ Telefonieren – MegaOut oder Luxus aus einer anderen Welt?"