Bücher Lesen in der digitalen Welt – eine Vision und ihre Haken und Ösen

Bücher Lesen in der digitalen Welt – eine Vision und ihre Haken und Ösen

Digitalisierung 3 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Wieso streiten wir eigentlich darüber, ob es besser ist, ein Buch in digitaler Form auf einem eBook-Reader oder Tablet zu lesen oder auf bedrucktem Papier? Warum müssen wir überhaupt entscheiden, in welcher Form wir ein Buch kaufen? Wenn wir uns als Nutzer etwas wünschen dürften, wäre die Sache doch klar: Buch aussuchen, kaufen und wir erhalten es zu einem Preis als Papierausgabe, eBook und, wenn verfügbar, auch gleich als Hörbuch:

Am Wochenende auf dem Sofa die Papierversion beginnen, ein paar Tage später im Hotel im eBook weiterlesen und auf der Autofahrt dem Hörbuch lauschen. Technisch gar kein Problem, auch das Merken von Lesestellen zwischen Hörbuch und eBook. Leider aber aktuell (noch!) eine Utopie, denn

  1. verhindert die Buchpreisbindung mit ihrem früher sinnvollen Ansatz die Bündelung von verschiedenen Kanälen; und
  2. könnte bisher nur Amazon technisch und organisatorisch so ein Mammutprojekt stemmen; kein anderer Anbieter hat die benötigten Bausteine im Programm.

Und wie sieht es aus, wenn wir Bücher in digitaler Form als eBook lesen wollen? Die speziellen eBook-Reader sind nicht nur preiswerter als normale Tablets, sie lassen sich mit ihren Ink-Displays auch in der Sonne optimal lesen, anders als die OLED-Displays der Tablets und Computer. Als eBook-Verkäufer muss man heute eine ganze Verteilungs-Plattform mit eigenen Geräten am Start haben:

  • Amazon: der Platzhirsch. Eigene eBook-Reader aber auch auf allen Tablet-Plattformen (Apple, Android) verfügbar.
  • Apple: „nur“ auf den eigenen Geräten verfügbar. Kein reiner eBook-Reader.
  • Die Tolino Allianz: Eigene eReader und Apps der beteiligten Händler (Club Bertelsmann, Hugendubel, Thalia, Libri und Weltbild).
  • Kobo: dahinter steht mit Rakuten ein weiterer Riese, der hier noch ziemlich unbekannt ist.

Nur bei der Tolino Allianz hat man die Möglichkeit, die Bücher in verschiedenen Shops zu kaufen. Bei den anderen Herstellern legt man sich beim Buchkauf auf die Gerätefamilie fest. Und für den Normalverbraucher ist ein Wechsel mit seinen Büchern von einer Plattform auf eine andere faktisch nicht möglich. Denn alle Hersteller setzen zum Schutz der Inhalte DRM-Systeme (Digital Rights Management) ein, die eine Weitergabe der Bücher verhindern und zugleich eine Bindung an die eigene Plattform forcieren sollen.

Nur die Tolino Allianz bietet bei genauem Hinsehen eine Reihe von Büchern ohne DRM-Schutz. Der DRM-Schutz hat einen weitere wesentlichen Nebeneffekt: Ein Papierbuch gehört mir nach dem Kauf und ich kann es weiter veräußern. Ein elektronisches Buch (mit DRM-Schutz) gehört mir nicht, denn man erwirbt nur das nicht veräußerliche Nutzungsrecht an dem Buch. Dafür den Originalpreis des Papier-Buches mit einem kleinen Abschlag zu fordern ist schon fast eine Frechheit.

Ein Blick auf die Verlagsseiten lohnt ebenfalls. Hier werden viele digitale Bücher ohne DRM-Schutz angeboten, die man auf einer Reihe von Endgeräten lesen kann. Die Verlage fügen in ihre DRM-freien Angebote jedoch Wasserzeichen ein, so dass eine Weitergabe und auch ein Verkauf nicht gestattet sind.

“Bücher Lesen in der digitalen Welt – bisher mehr Vision als Lese-Vergnügen?!“

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Also eine ganz schön komplizierte und Nutzer-unfreundliche Sache, diese eBooks heute! Faire Plattformen sehen anders aus. Man muss schon echter Überzeugungstäter sein, wenn man sein Geld in Zukunft in quasi geliehene Bücher investiert, nur damit man in digitaler Form darauf zugreifen kann.

Ich selber bin dennoch überzeugt. Für mich wiegen die Vorteile wie Verfügbarkeit auf allen Geräten in der Familie und an jedem Ort sowie ein wirklich tolles Lesegefühl in der Sonne und im Dunkeln mit den heutigen aktiven Ink Displays (Kindle Paperwhite bei Amazon und Globe HD von Kobo) die Nachteile von digitalen Büchern auf. Aber wer auf DRM-Freiheit achten will, für den ist der Kaufprozess mehr Arbeit, als einfach nur ein Papier-Buch zu kaufen.

[Geschrieben für meine Kolumne der „Vernetzt“-Seite von Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten am 16.09.2015]

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