Amazon offenbart die hässliche Fratze der unfairen Plattformen

Amazon offenbart die hässliche Fratze der unfairen Plattformen

Digitalisierung 4 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Alle Mann auf Gefechtsstation! Amazon fährt die Schutzschilde hoch und zieht auf seiner eBook-Plattform in den Kampf gegen seine Nutzer – Leser wie Autoren

Faire Plattformen verbinden Serviceanbieter und Nutzer zum beiderseitigen Vorteil. Faire Plattformen pflegen eine offene Kommunikation zu ihren Nutzern und setzen auf Transparenz, denn dies ist die Grundlage für langjähriges Vertrauen in die Plattform. Nur so kann ein Anbieter einen hohen CLV (Customer Lifetime Value) erreichen und die CAC (Customer Akquisition Costs) auf viele Jahre umlegen. Und nur so erreicht er eine hohe Retention, also eine langjährige Bindung seiner Kunden an die Plattform mit einer hohen Nutzungsfrequenz.

Ein Release mit Nebenwirkungen

Wer Krieg führt, macht Dinge im Verborgenen. Ein erfolgreicher Krieger setzt auf Desinformation und nutzt alle seine Möglichkeiten, um der Weltherrschaft wieder ein Stückchen näher zu kommen. Und genauso sieht es im Augenblick bei Amazon aus.

In den Release Notes zur neuesten Kindle Software 5.6.5. werden die neue Amazon-eigenen Schrift Bookerly sowie ein paar neuen Smartfunktionen vorgestellt, die Amazon helfen, uns beim Lesen ein wenig besser auszuspähen. Ende. In Wirklichkeit hat Amazon mit diesem unscheinbaren Schritt das gesamte DRM-System ausgetauscht und stellt ab sofort auf das neue Amazon-eigene und geschlossene Format KFX um. Denn das bisherige Format Mobi und das dahinter liegende DRM-Schutzsystem sind seit Jahren geknackt.

Mit genau demselben Plan, nämlich der Erneuerung der gehackten DRM-Plattform für eBooks, ist Adobe (ePub, PDF) im letzten Jahr grandios gescheitert. Zu groß war die Aufregung der Kunden – und so musste Adobe einlenken und die Pläne erstmal stoppen. Amazon scheint mit seinem lautlosen Undercover-Vorgehen (bisher) mehr Erfolg zu haben.

Neues Bezahlkonzept für Autoren

Aber Amazon schraubt nicht nur auf der Endkunden-Seite daran, seine Plattform „sicherer“ zu machen. Der Konzern baut immer mehr spezielle Funktionen in die Authoring-Software ein, um die Buch-Autoren langsam aber sicher auf die eigene Plattform zu zwingen. Das große Ziel scheint aktuell die Etablierung der Book-Flatrate zu sein. In Amerika ist Kindle-Unlimited schon eine Weile am Markt; in Deutschland erst seit ein paar Wochen und mit einem geringeren und damit wenig attraktiven Umfang. Um das Risiko einer solchen Flatrate nicht mehr als Distributionsplattform tragen zu müssen, hat Amazon ein neues Bezahlkonzept für die Autoren eingeführt: Bezahlt wird der Buch-Autor in Zukunft nicht mehr nach einem vereinbarten Preis pro verkauftem oder geliehenem Buch, sondern je tatsächlich gelesener Seite im Buch. Wow – was für eine coole unfaire Idee!

“Amazon zeigt die dunkle Seite der Macht. Aber wir als Nutzer entscheiden über die Zukunft für #fairePlattformen! “

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Als langjähriger Bewunderer von Jeff Bezos trifft mich dieser Krieg, den Amazon gegen uns Leser führt, sehr. Der Trend ist nicht neu, einiges war vor einem Jahr bereits absehbar und habe ich in meinem offenen Brief an Jeff Bezos formuliert.  Wo ist der Spirit hin? Gehen Euch die Ideen aus?

Die Vision: situationsabhängige Wahl des Formats

Nein, denn zumindest einige Menschen bei Amazon sind vielen Wettbewerbern in Sachen Optimierung des Kundennutzens gedanklich Lichtjahre voraus. Wir Nutzer wollen uns beim Kauf eines Buches eigentlich gar nicht auf ein Format festlegen müssen. Am liebsten wollen wir doch ein Buch in allen Formaten im Zugriff haben und beim Lesen einfach situationsabhängig entscheiden, ob wir das Hardcover im Wohnzimmer, das eBook im Hotel, oder das Hörbuch im Auto genießen wollen. Und genau das ist auch die Vision des Amazon- Managers für den eBook-Bereich Russ Grandinetti.

Faire Plattformen beschneiden die Freiheit ihrer Benutzer nicht durch den Einsatz von DRM- Software für elektronische Waren, die dem Nutzer eigentlich sowieso gehören sollten. (Ja ich weiß, dass wir bei elektronischen Büchern bisher nur das Nutzungsrecht und nicht den Besitz erlangen) Da sind die Verlage mit ihren Wasserzeichen Konzepten schon erheblich weiter. Also ist es an uns als Nutzern, mit unserem Kaufverhalten darüber abzustimmen, ob wir in Zukunft unsere Bücher in abgeschlossenen, monopolistischen und unfairen Plattformen konsumieren wollen oder eben nicht. Dabei ziehen uns unsere Bequemlichkeit und immer stärkere Netzwerk-Effekte dieser fast über-präsenten Kaufmaschinerie immer tiefer in ihren Sog. Und wieder einmal müssen wir eine Entscheidung fällen: bequem und unfrei, oder Mehr-Aufwand für den elektronischen Bücherkauf auf einer anderen Plattform und dafür ein wenig mehr Freiheit für uns alle?

(Oje, was sage ich nur all den Menschen, denen ich jahrelang etwas von den Vorzügen von Jeffs Kundenorientierung vorgeschwärmt habe?)

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