Gute Digitalisierung, schlechte Digitalisierung – 5 Millionen neue Arbeitslose müssen nicht sein!

Gute Digitalisierung, schlechte Digitalisierung – 5 Millionen neue Arbeitslose müssen nicht sein!

Digitalisierung 7 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Warum gute Digitalisierung viel mehr kann als Automatisierung und Arbeitsplatzabbau

Der Begriff der Digitalen Transformation hallt wie ein Schlachtruf durch Deutsche Unternehmen. Angebliche Vordenker touren durch die Vorstands- und Geschäftsführungs-Etagen und heizen mit Angstszenarien die eigene Wirtschaft an und den vermeintlichen Kunden ein mit Parolen wie: „Wer keine Digitalstrategie hat, wird das Morgen nicht mehr erleben.“ Oder: „Evolution ist einfach zu wenig zum Wandel.“ Es muss schon Revolution mit Toten, grausamer Darwinismus sein oder die Anmutung des Titanic-Untergang haben. Martialische Bilder, die klarmachen, dass es nur einen Überlebenden in der digitalen Welt von morgen geben kann.

Gepredigt und gepriesen werden disruptive Modelle a la Uber, Airbnb oder Facebook. Nicht nur die Angstprediger holen immer wieder dieselben Klamotten aus der Kiste, sondern auch die Schar der Nerds, Techis und sogenannten Berater, die schon seit Jahren jeden Technologie-Trend aufnehmen und in ein paar Beratungstage umsetzen, am besten genährt von einem kleinen Fördertopf der zuständigen IHK oder des jeweiligen Bundeslandes.

Gefangen im falschen Teil des Systems

Dabei ist die anstehende vernetzte Digitalisierung kein Technologietrend. Es geht nicht in erster Linie um das Digitalisieren, sondern um das Vernetzen! Und das kann man nicht abgeschlossen in einer Abteilung oder einem einzelnen Unternehmensbereich erschließen und umsetzen. Denn die vernetzte Digitalisierung betrifft das gesamte Geschäftsmodell und damit geht es ans „Eingemachte“.

In einer umfassenden Studie haben die Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne herausgearbeitet was passiert, wenn wir Digitalisierung weiter so angehen, wie wir sie die letzten Jahrzehnte betrieben haben. Wir werden mit einer Welle von Millionen neuen Arbeitslosen zu rechnen haben. Dr. Holger Schmidt hat neulich eine Reihe von Informationen zum Thema Jobgefährdung durch Digitalisierung unter Berücksichtigung der deutschen Aspekte zusammengetragen.

Der Druck zur Digitalisierung wird heute vor allem von den Erbsenzählern (Neudeutsch: Controllern) ausgeübt und auch die Politik ist seit der Amtszeit von Altbundeskanzler Schröder mit auf den Zug aufgesprungen. Vor allem in Deutschland haben wir jede Form neuer Technologie genutzt, um uns wettbewerbsfähig zu halten. Das bedeutet im Klartext: wir haben immer weiter automatisiert, damit uns die teuren Lohnkosten in unserem schönen Land nicht auf die Füße fallen, und wir mit den Preisen in Asien oder im Osten trotz Kinderarbeit und Niedriglöhnen mithalten können.

Jetzt wachsen die Möglichkeiten der digitalen Welt gen Himmel und wir können mit dieser Methode in absehbarer Zeit endlich auch Reisebüros, Buchhalter und vielleicht sogar Finanzbeamte wegrationalisieren. Die Automatisierungswahrscheinlichkeit wächst für eine steigende Zahl von Branchen rapide an. Wir versetzen immer mehr Menschen in Angst und Schrecken – und das völlig zu Recht, wenn Politik und Wirtschaft nicht schnellstens eine andere Zielfunktion für die Digitalisierung finden und verfolgen.

Die Digitalisierung mit dem Ziel der Effizienzerhöhung und dem Ziel, einen weiteren Menschen überflüssig zu machen wird uns schlussendlich in eine lebensunwürdige Arbeitswelt führen. Die Panik wächst, denn jetzt geht es nicht mehr den ungelernten Fabrikarbeitern der 1960er Jahre an den Kragen, sondern den Ärzten und Bankangestellten.

Kapitalismus muss nicht immer negativ sein

Diese Entwicklung wird je nach Kontext abwechselnd dem grausamen kapitalistischem System oder der technologischen Entwicklung zugeschrieben. Zum Kapitalismus gehört aber außer dem Effizienz-Gedanken auch die Marktseite. Und auf der Marktseite sitzen wir als Verbraucher und fordern Nutzen. Doch Taylor hat uns mit seinem Ansatz auf die falsche Fährte gesetzt und unseren Fokus auf die Optimierung der Produktion gelenkt. Dabei locken auf der Marktseite viel größere Chancen. Die Schaffung neuer Märkte mag zutiefst kapitalistisch sein, aber man benötigt dafür mehr Mut und Unternehmertum als die Erbsenzähler und BWLer uns in den letzten Jahrzehnten zugetraut haben oder wir aufbringen konnten.

Sowohl der iPod, als auch iTunes und das iPhone sind Beispiele für neu geschaffene Märkte. Wenn man den Nutzen in den Mittelpunkt stellt, erhält man die Antwort nicht unbedingt vom Nutzer – denn auch dem fehlt es vielleicht an der möglichen Vorstellungskraft. Und man bekommt ganz bestimmt keine Antwort, solange man in der alten Kategorie „Branche“ denkt. Denn „Branche“ bedeutet ja, dass sich die jeweiligen Produzenten und Anbieter mit Zustimmung der Kunden darauf eingelassen haben, alle das gleiche zu produzieren und herzustellen, und die Differenzierung in Werbung und Preis zu suchen.

Digitale Plattformen – aber nicht um jeden Preis

Wer den Nutzen in den Vordergrund stellt, landet unwillkürlich bei Plattformen. Denn über Plattformen verbinden sich Servicegeber und Nutzer zu einem Interessensverbund. Als Nutzer kaufe ich mir kein Auto mehr um anschließend meinen Nutzen – die Mobilität – selber zu organisieren, indem ich mich um die notwendigen Begleit-Aspekte kümmere wie Versicherung, Wartung, Parken etc. Ein Servicegeber für Mobilität „as a service“ organisiert genau die ganze Kette, die uns einen Nutzen bringt.

“Irrweg #digitaleTransformation – #fairePlattformen sind unsere Rettung“

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Wer das verstanden hat, bewundert Uber und beklagt dann, dass wir das in Deutschland ja nicht hinbekommen. Aber ist das wirklich bedauerlich? Uber disruptiert einen Markt und alle sind begeistert. – Bis auf die Taxifahrer, denn denen geht es an den Kragen. Aber muss man sich wirklich an die Spitze eines neuen Imperiums stellen und verkünden: „Ich hasse Taxifahrer!“? Muss jede Plattform irgendwie unmoralisch sein und eine Seite benachteiligen? Kann man keine Plattform bauen, die Taxifahrer oder neutral ausgedrückt „Personenbeförderer“ und Nutzer in fairer und gerechter Form miteinander verbindet? Wenn ein Taxifahrer an einem Flughafen nicht 4 Stunden für eine Fahrt anstehen müsste, um einen Fahrgast zu ergattern, dann könnten wir auch erwarten, dass er uns im Auto nicht angrummelt, sondern serviceorientierter behandelt.

Faire Plattformen bedeuten das Verbinden von Möglichkeiten

Immer mehr Verbraucher und Nutzer spüren, dass es nicht fair ist, wenn wir Google oder Facebook unsere Daten geben und dafür eine Suchmaschine, ein tolles Mailsystem oder ein soziales Netzwerk erhalten.

Diese Erkenntnis ist die Chance für die richtigen digitalen Plattformen, die von Menschen mit digitalem Sachverstand und Gespür für den Markt und den Nutzer umgesetzt werden: Wir brauchen Geschäftsmodelle, die einen Interessenausgleich zwischen Servicegeber und Nutzer herstellen. Klar geht es auch dabei ums Geld-Verdienen, aber eben nicht nach Wildwest-Manier und mit einseitigen Verträgen und Macht-Missbrauch.

Dafür müssen wir ausbrechen aus der Logik, dass die neuen digitalen Möglichkeiten einfach nur ein Strauß neuer Technologien sind, die nach dem altbekannten Muster in Wettbewerbsvorteile umgesetzt werden können. Es geht nicht mehr um Kostenreduktion oder den Ersatz von Menschen; es geht um neue Möglichkeiten durch das Verbinden von Tätigkeiten oder Produkten, die wir durch jahrzehntelanges „Taylorn“ in nicht mehr nutzbare Fragmente zerhackt haben. Es geht nicht mehr darum, ein Werkzeug besser zu machen, wie viele Jahrhunderte davor. Mit den aktuellen Technologien können wir Prozesse zusammensetzen, die uns vor ein paar Jahren noch viel zu komplex erschienen.

Digitale Transformation entsteht, indem wir Branchengrenzen überwinden, neue Märkte schaffen und Menschen und ihren Nutzen in den Mittelpunkt stellen. Richtige digitale Transformation verbindet! Disruption als Selbstzweck ist nicht der Weg, wie wir mit europäischen Werten den digitalen Wandel in Richtung faire digitale Plattformen gestalten sollten. Und Angst ist dafür kein guter Treiber. Wir brauchen Neugier und Entschlossenheit, um mit eigenen Ideen und Kompetenzen die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen!

 

"Gute Digitalisierung, schlechte Digitalisierung – 5 Millionen neue Arbeitslose müssen nicht sein!"