Schweizer Studie: Fakten statt Vermutungen: Strukis sind gut und günstig

Schweizer Studie: Fakten statt Vermutungen: Strukis sind gut und günstig

Finanzen & Wirtschaft 8 min. Lesezeit
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Roger Studer Anlage- und Finanzexperte

Das Swiss Finance Institute hat eine neue Studie über strukturierte Produkte veröffentlicht: Im Untersuchungszeitraum entwickelten sich die Produkte positiv und wiesen angemessene Kosten auf. Zudem ergaben sich aus den Ereignissen 2015 interessante Investitionsgelegenheiten.

Strukturierte Produkte haben in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dennoch existieren bislang nur wenige empirische Untersuchungen über ihre Performance sowie die verbundenen Kosten. Vor allem über Letztere wird schon lange spekuliert. Den meist nicht sehr gehaltvollen Behauptungen wollte der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte (SVSP) schliesslich mit «Fakten statt Vermutungen» den Riegel vorschieben. Mit der nun ersten und umfassenden, repräsentativen Analyse für den Schweizer Markt, mit der das Swiss Finance Institute (SFI) betraut wurde, hat er dies nun getan. Das «White Paper» mit dem Namen «Structured Products: Performance, Costs, and Investments» wurde am 18. Juni 2015 in englischer Sprache veröffentlicht; an der Studie des SFI hatten sich zudem Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Basel beteiligt. Untersucht wurden im Zeitraum von 2008 bis 2014 drei für Anleger wesentliche Bereiche: die Performance in Form von realisierten Renditen, die Kosten, welche in den Produktpreisen enthalten waren, sowie Einsatzmöglichkeiten in Bezug auf konkrete Investments.

«Ein weiterer Meilenstein hin zu mehr Transparenz»

Für das Segment der strukturierten Produkte sind die Ergebnisse erfreulich. Die Studie sei ein weiterer wichtiger Meilenstein in Bezug auf das Schaffen von weiterer Transparenz bei strukturierten Produkten, kommentierte Georg von Wattenwyl, Präsident des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP) sowie Global Head Financial Products Advisory & Distribution bei Vontobel. Die Analyse sei zudem der wissenschaftliche Nachweis dafür, dass es sich bei strukturierten Produkten um effiziente Anlageinstrumente handle (Medienmitteilung des SVSP; 18.06.2015). Untersucht wurden mehr als 20 000 Produkte mit unterschiedlichen Auszahlungsprofilen innerhalb des Zeitraumes von 2008 und 2014. Die Kategorie der Barrier Reverse Convertible war mit Abstand die am häufigsten vertretene, danach folgten Tracker-, Discount-, Bonus- und Kapitalschutz-Zertifikate. Auch innerhalb einer Kategorie zeigten sich die untersuchten Produkte äusserst heterogen: Die Laufzeiten reichten von wenigen Monaten bis hin zu mehreren Jahren. Sie wurden zudem in verschiedenen Währungen gehandelt. Dem überwiegenden Teil der Produkte lagen einzelne Aktien oder Aktienkörbe als Basiswerte zugrunde, bei einigen waren es auch Indizes.

Grafik 1- Jaehrliche Median-Rendite

Strukturierte Produkte zeigten meist eine positive Performance

In den meisten Jahren des Untersuchungszeitraumes entwickelten sich die strukturierten Produkte positiv (Grafik 1): Im Zeitraum von 2012 bis 2014 erzielten rund 80 % positive Renditen. Je nach Kategorie und Jahr generierten die Produkte durchschnittliche Median-Renditen von 5 % bis 15 % pro Jahr. «Median-Wert» bedeutet, dass die Hälfte der Produkte die entsprechende Rendite erreichte oder übertraf. 2009 war ein besonders erfolgreiches Jahr, denn die meisten der Median-Renditen nahmen Werte zwischen 19 % und 31 % an. Dies war auch die Zeit, in denen sich die Aktienmärkte positiv entwickelten. In den Jahren 2008 (zu Beginn der letzten grossen Finanzkrise) und 2011 (dem Jahr der europäischen Schuldenkrise) hatten die Aktienmärkte (massive) Kursverluste erlitten. Davon betroffen war schliesslich auch der grösste Teil der in der Stichprobe enthaltenen aktienbasierten strukturierten Produkte; die Durchschnittsrenditen fielen negativ aus. Eine Ausnahme sind Kapitalschutz-Produkte, deren Performances von den Auswirkungen der Marktbewegungen, ganz gleich in welche Richtung, eher wenig betroffen waren.

Offenlegung von Schweizer Vertriebs­gebühren – seit März 2015

Ein besseres Verständnis über die im Produktpreis enthaltenen Kosten trägt zu mehr Transparenz bei. So ging es im zweiten Teil der Studie um die Kosten, die mit der Investition in strukturierte Produkte verbunden sind. Seit einiger Zeit schon thematisiert der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte verschiedene Massnahmen, um strukturierte Produkte für Anleger transparenter und verständlicher zu machen. Gemäss einer Medienmitteilung vom 10.09.2014 hatte der Vorstand des SVSP bereits bestimmte Kennziffern auf ihre Eignung prüfen lassen – so die «Total Expense Ratio, kurz TER, und den «Issuer Estimated Value» (IEV – der «vom Emittenten geschätzte Wert» eines Produktes). Letztes Jahr wurde schliesslich entschieden, dass die Gebühren für den Vertrieb von strukturierten Produkten per 1. März 2015 in der Schweiz ausgewiesen werden. Unter Vertriebsgebühren versteht man vom Emittenten bei der Emission eines strukturierten Produktes im Ausgabepreis eingerechnete Gebühren – einschliesslich der Vergütungen an die Vertriebspartner. Vontobel geht dabei freiwillig noch einen Schritt weiter und veröffentlicht den IEV sowie zusätzlich die TER. Eine gemeinsame Kostenziffer mit dem Europäischen Dachverband eusipa möchte der SVSP in einer zweiten Phase einführen (SVSP; 10.09.2014).

Fairness-Kodex in Deutschland – seit November 2013

Auch der Interessenverband der deutschen Derivateindustrie (DDV) beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit der Produkttransparenz von Zertifikaten – wie sie in Deutschland genannt werden –; der IEV trat als Kostenziffer bereits am 1. November 2013 in Kraft. Deutsche Emittenten, die Mitglied des Verbandes sind, hatten sich in einem Fairness-Kodex dazu verpflichtet, den Wert des strukturierten Produktes in Form des IEV zu ermitteln und den Kunden mitzuteilen. In Deutschland kann der IEV auf dem betreffenden Produktinformationsblatt (PIB) angegeben werden, das Wertpapierdienstleistungsunternehmen den Kunden im Zuge der Anlageberatung aushändigen müssen (Bafin; 01.12.2014).

Auch die deutsche Bundesanstalt für Finanzmarktaufsicht (Bafin) merkt auf ihrer Internetseite an, dass Anleger dank des IEV die Preisbildung eines strukturierten Produktes besser nachvollziehen können. Vergleiche man dabei den IEV mit dem tatsächlichen Verkaufspreis, lasse sich erkennen, welche wesentlichen Kosten in einem strukturierten Produkt enthalten seien. Die Differenz von Verkaufspreis und IEV enthalte unter anderem operative Kosten für die Strukturierung des Produktes, die Kosten für die IT-Infrastruktur, welche für den Handel mit dem Produkt notwendig sind, sowie den Gewinn, den ein Emittent erwartet. Der Privatanleger könne daher die Kosten des Produktes mit denen anderer Produkte vergleichen. Ausserdem könne er beurteilen, ob die Kosten im Verhältnis zur erwarteten Rendite angemessen sind.

Grafik 2 - Risiko-Management

Vollständige Produktkosten bei Emission nicht messbar oder unbekannt

Doch leichter gesagt als getan. Kostenkennziffern wie der IEV oder die TER lassen sich nicht so leicht errechnen, wie man denken könnte. In ihrem White Paper «Structured Products: Performance, Costs, and Investments» betonen die Schweizer Wissenschaftler, dass sich die Kosten eines strukturierten Produktes grundsätzlich schwer abschätzen lassen, denn einige der Kostenbestandteile sind zum Emissionszeitpunkt – also zu Beginn der Laufzeit – entweder kaum messbar oder schlichtweg nicht bekannt. Der Grund: In Abhängigkeit ihres Auszahlungsprofiles geben strukturierte Produkte ein Zahlungsversprechen für verschiedene Marktszenarien ab und dessen Einhaltung muss bis zum Laufzeitende sichergestellt werden. Dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Unterschiede zur Produktgruppe der Anlagefonds – die kein Zahlungs-, sondern ein Leistungsversprechen abgeben. Das Zahlungsversprechen eines strukturierten Produktes muss der Händler auf Emittentenseite über die gesamte Produktlaufzeit gewährleisten. Bis zum Fälligkeitszeitpunkt besteht also Unsicherheit über den künftigen Wert einzelner Produktkomponenten, die zum Beispiel durch die Volatilität beeinflusst werden. Mit steigender Komplexität des Auszahlungsprofiles fallen die Kosten für die Einhaltung des Zahlungsversprechens tendenziell höher aus. Das Risikomanagement verursacht – während der Laufzeit – variable Kosten (Grafik 2).

Grafik 3 Gerundete durschnittliche Median

Kosten sind moderat

Doch nun zu den Ergebnissen. Entgegen der vormals herrschenden Meinung haben die Wissenschaftler des SFI herausgefunden, dass strukturierte Produkte nicht teurer sind als zum Beispiel Anlagefonds oder gar ETF. Herangezogen wurden Produkte des Primärmarktes, also Neuemissionen mit tendenziell höherer Kostenstruktur als Sekundärmarktprodukte. Insgesamt ziehen sich die Kosten (in Form der Kennziffer des «Total Expense Ratio» oder kurz TER) über eine Spanne von 0.3 bis 1.7 % jährlich. Grafik 3 gibt eine Übersicht über die Median-TER je Produktkategorie.

Das Jahr 2015 bot Chancen

Verhaltensmotive spielen gemäss der Wissenschaftler des SFI bei Investitionsentscheidungen eine wichtige Rolle. Mehrere Fallstudien unterschieden beispielsweise zwischen Investitionen unter normalen Marktbedingungen und ereignisgesteuerten Investitionen, welche getätigt werden, wenn die Märkte unter Stress stehen. Einer der Schwerpunkte der Untersuchung lag auf den diesjährigen Beschlüssen der Schweizerischen Nationalbank sowie der Europäischen Zentralbank und damit auf der Aufhebung des EUR/CHF-Mindestkurses im Januar 2015 und der Einführung negativer CHF-Zinsen. Ein weiterer Fokus war die EZB-Entscheidung, in der Eurozone ein Programm der quantitativen Lockerung umzusetzen. In ihren Fallstudien konzentrierten sich die Wissenschaftler nicht nur auf mögliche Renditeerwartungen, sondern zeigten auch auf, dass die Ansichten – also Markterwartungen – von Anlegern entscheidend für fundierte (Nicht)-Anlageentscheidungen sind.

Die Januar-Ereignisse zeigen, dass Interventionen Investitionsmöglichkeiten in verschiedenen Anlageklassen ermöglichen: Nach den Entscheidungen der SNB und EZB thematisieren die Wissenschaftler Beispielinvestitionen in Bezug auf Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Kredite und Devisen. Um die Möglichkeiten in Investitionen umzuwandeln, seien drei Elemente erforderlich: Strukturierte Produkte mit kurzer Markteinführungszeit und präziser Abbildung der Investitionsmöglichkeit in liquiden Anlagen – und selbstverständlich auch investitionsfreudige Anleger.

Die Studie «Structured Products: Performance, Costs, and Investments» finden Sie hier als PDF.

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