Google Photos – der Apfel der Versuchung

Google Photos – der Apfel der Versuchung

Digitalisierung 3 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Als Smartphone- und Tablet-Benutzer haben wir eine recht konkrete Vorstellung, wie wir unsere Fotos gerne organisieren und verwalten möchten. Bisher hat es noch kein Anbieter geschafft, die meisten unserer Wünsche zu erfüllen.

Mit Fotos halten wir Erinnerungen an für uns wichtige Momente fest; sie verbinden uns mit Menschen und Orten. Mit solchen Erinnerungen organisieren wir unser Leben: Wo war ich schon überall mit Lukas? Wo war Maria letztes Jahr genau in Urlaub? War Peter bei Opas 80. Geburtstag dabei? Fotos verbinden Personen, Orte und Erlebnisse.

Bisher mussten wir diese Verbindungen selber organisieren und durch Namen, Ordner oder Tags in den Programmen zur Verwaltung der Bilder codieren.

Viele Funktionen und eine neue Dimension

Google hat jetzt auf der Entwicklerkonferenz I/O einen neuen Fotodienst vorgestellt, der unsere hohen Erwartungen wahr werden lassen kann:

  • Unendlicher Speicherplatz: Google verspricht , dass wir mit „Google Photos“ alle unsere Fotos kostenlos verwalten können
  • Zugriff nach Zeitpunkt, Momenten, Personen
  • Der Clou: Suche nach Bild-Inhalten ist möglich

Mit seiner geballten Künstlichen-Intelligenz-Kompetenz untersucht Google unsere Bilder und macht sie durchsuchbar für unsere Anfragen. Bilder ohne Ortsangaben werden automatisch zugeordnet, wenn auf ihnen bekannte Bauwerke zu erkennen sind. Wenn nicht mehr wir Menschen die Bilder sortieren und den Kontext herstellen, sondern eine digitale Plattform uns dabei unterstützt und auf neue Verbindungen hinweist, ist das eine ganz neue Dimension!

Dienste wie Flickr und Apples Photostream bekommen mächtig Konkurrenz. In diesen sind zwar erste Ansätze wie die Personen-Identifikation möglich, funktionieren aber noch nicht so flüssig.

Der Apfel der Versuchung

Die Werbeaussage, dass Google alle unsere Bilder kostenlos speichert, ist nur teilweise korrekt: Die Bilder werden stark komprimiert. Wer also einen verlässlichen Ablageort für die wertvollen Original-Aufnahmen sucht, muss dafür entweder den kostenpflichtigen Dienst „Google Drive“ benutzen, oder parallel einen alternativen Speicherdienst bemühen.

“Wieso können wir coole digitale Dienste nur mit dem Verlust unserer #Datensouveränität bezahlen?“

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Damit haben wir zum Glück ein kleines Haar in der fast perfekten Suppe gefunden! Denn sonst würden wir allzu leicht darüber hinwegsehen, dass dieser Dienst von Google kommt, dem Suchmaschinen- und Werbe-Giganten. Die neue Dimension für uns Benutzer ist auch eine neue Dimension für die personalisierte Werbeindustrie, denn das Bild jedes Nutzers mit all seinen Verbindungen ist damit perfekt gezeichnet.

Wie schade, dass wir diese Entwicklungen, die uns in Erstaunen und Ehrfurcht versetzen, nicht mit schnöden Euros, sondern nur mit dem Verlust unserer Datensouveränität bezahlen können!

So süß und schmackhaft die neue Frucht ist, wir müssen selber entscheiden, ob das Paradies eine datengeschützte Welt ist, oder wir den Verlockungen und Möglichkeiten der perfekt zu uns passenden Foto-Erinnerungen erliegen.

Und wir können uns nur darüber wundern, warum die brillantesten Köpfe der digitalen Welt vor allem daran arbeiten, die Möglichkeiten von Werbung zu perfektionieren.

 

[Geschrieben für meine Kolumne der „Vernetzt“-Seite von Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten am 09.06.2015]

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