Gedankenspiele zum digitalen Zeitalter und unserem gesellschaftlichen Wertesystem

Gedankenspiele zum digitalen Zeitalter und unserem gesellschaftlichen Wertesystem

Digitalisierung 2 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

„Wir verschwinden – Der Mensch im digitalen Zeitalter“ mag nicht zu Miriam Meckels bekanntesten Publikationen gehören, doch lesenswert ist der Essay mit seinem wohltuend anderen Ansatz auf jeden Fall!

Miriam Meckel, Direktorin des Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und seit ein paar Monaten auch Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, bietet uns mit ihrem Büchlein erfrischende Hirnnahrung an. Denn sie geht das Thema nicht technisch an, wie die meisten, sondern stellt uns Menschen in den Mittelpunkt, ohne die übliche „früher war alles besser“ Leier abzuspulen.

Sie weist uns auf das Unsichtbare der Verbindungen zwischen Mensch und Maschine hin und ist sich sicher, dass das Hype Thema KI (Künstliche Intelligenz) in Zukunft gar nicht mehr so relevant sein wird, wenn die Ebenen zwischen Mensch und Maschine sowieso verschwimmen. (Rums! – über solche Schlussfolgerungen lohnt es sich doch zu diskutieren!)

Meckel beschäftigt sich in ihrem Essay mit dem Metaphysischen zwischen der digitalen Welt und der realen Welt, sie sucht nach Antworten und fordert uns auf, wieder mehr in die reale Welt zurückzukehren, wo die wirklichen Entscheidungen und Konsequenzen auf uns warten.

Die Anonymität, die wir so gerne anstreben, ist weder im digitalen noch im realen Leben wirklich erstrebenswert – aber letztlich Ausdruck unserer Unsicherheit. Sie weist die Technikgläubigen darauf hin, dass sie ihre Technodizee erst noch zu erbringen haben. (Wow, eine tolle Wortschöpfung, die den philosophischen Ansatz der Theodizee aufgreift und in dieser Form in der aktuellen Diskussion viel zu selten zu finden ist!)

Wir müssen wieder neu sehen lernen und ertasten, wie sich unsere Welt in der Zeit des Digitalen verändert, und wie wir damit neu umgehen lernen müssen.

Schöne Gedanken, schöne Metaphern, die erst beim Innehalten und genaueren Hineinsehen ihre Kraft entfalten. Und das Ganze mit Quellenangaben zu Geschichten, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, also als das Digitale in unserer Welt noch nicht omnipräsent war. Das macht deutlich, dass es hier nicht um Hightech, sondern um ganz grundsätzliche Gedankenspiele geht, denen wir uns öffnen und stellen müssen.

Frau Meckel meckert nicht gegen die neue digitale Welt, und vor allem geht es ihr nicht um die allgemeine Kritik an Werkzeugen und Technologien. Für sie ist das Digitale einfach da und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Wir müssen es nicht bekämpfen, wir müssen es nicht aufhalten. Sondern wir Menschen müssen lernen, wie wir mit dieser neuen digitalen Welt umgehen und wie wir sie in unser gesellschaftliches Wertesystem integrieren.

Miriam Meckel:
Wir verschwinden: Der Mensch im digitalen Zeitalter
Taschenbuch Kein & Aber, 72 Seiten, 7,90 Euro
Kindle Ausgabe 4,99 Euro

"Gedankenspiele zum digitalen Zeitalter und unserem gesellschaftlichen Wertesystem"