Baselworld 2015: Die Digitalisierung der Luxusuhren | Teil 1

Baselworld 2015: Die Digitalisierung der Luxusuhren | Teil 1

Lifestyle 11 min. Lesezeit
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Michael Sandvoss Experte für Luxus und Lifestyle

Wie wird die Digitalisierung die Uhren-Branche verändern? Wie antworten die Hersteller auf die Smartwatch von Apple? Was bieten die deutschen Uhren- und Schmuckmanufakturen? Das waren für mich zentrale Fragen, mit denen ich zur Baselworld 2015 gefahren bin. Und tatsächlich fand ich auf der größten Messe der Welt für Uhren und Schmuck viele interessante Antworten. Hier ist Teil 1 meines ganz persönlichen Messeberichts.

Die Baselworld ist die Weltmesse für Uhren und Schmuck. (Foto: Christophe Chammartin/MCH Messe Schweiz AG)

Die Baselworld ist die Weltmesse für Uhren und Schmuck. (Foto: Christophe Chammartin/MCH Messe Schweiz AG)

Für eine Top-Meldung, die mich besonders beeindruckte, sorgte Jean Claude Biver. Der erfolgreiche Präsident der Marke Hublot, der als Marketinggenie der Uhrenbranche gilt, ist auch für die Uhrenmarken TAG Heuer und Zenith bei LVMH verantwortlich. Zur Baselworld hatte J.C. Biver bei einer Pressekonferenz einen großen Käse aus der eigenen Produktion (jedes Jahr fast 5.000 Kilo!) mitgebracht und auf dem TAG-Heuer-Stand aufbauen lassen. Passend zur „größten Ankündigung aller Zeiten“ (Biver) war der Käse auf dem Holzbrett aber nur der Vorbote einer Sensation, die man sich auf der Zunge zergehen lassen darf: Der Schweizer Uhrenmacher TAG Heuer arbeitet mit den IT-Riesen Intel und Google an einer Smartwatch. Ende dieses Jahres soll sie auf den Markt kommen. Diese Ankündigung war schon eine Sensation.

TAG Heuer Smart Watch:
Assembled and Made in Switzerland

TAG Heuer schmiedet mit Google und Intel quasi eine Anti-Apple-Watch „assembled and made in Switzerland“ – mit „Intel inside“ und Android-Betriebssystem. „Der Unterschied zwischen der TAG Heuer Watch und der Apple Watch ist bedeutend: Die eine trägt den Namen Apple, die andere den Namen TAG Heuer“, sagte Biver und besiegelte gemeinsam mit Intel-Vicepresident Michael Bell und Googles Android-Wear-Manager David Singelton den Pakt. Mit der Kollaboration zwischen der Schweiz und dem Silicon Valley ist TAG Heuer ein Coup gelungen. Das Unternehmen kombiniert das Know-how aus der Schweiz mit der Technologie des Silicon Valley.

Auch andere Marken haben Smartwatches entwickelt. In den vergangenen Monaten hörte man immer wieder Gerüchte über Schweizer Uhrenhersteller, die einen Schritt auf den Smartwatch-Markt wagen wollen. Der Schweizer Uhren-Hersteller Breitling präsentierte mit der B55 Connected eine hochpreisige Uhr, die sich mit dem Smartphone koppeln lässt. Auch Swatch wird nach seiner ersten Sport-Uhr auch bald eine neue Smartwatch folgen lassen.

“TAG Heuer ist auf der Baselworld 2015 ein Coup gelungen.“

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Laut der Aargauer Zeitung setzt Swatch bei der Entwicklung seiner Smartwatch auf eigenes Know-how. Eine Kooperation mit Google oder Apple lehnt Konzernchef Nick Hayek ab. „Wir wollen uns nicht in die Abhängigkeit eines Giganten begeben, der uns seine Software aufdrückt und von dessen Entwicklungen wir abhängig sind“, sagte Hayek in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung. „Warum sollten wir ein schon bekanntes Betriebssystem einsetzen. Der Konsument solle in erster Linie eine Uhr bekommen und „kein Mobiltelefon am Handgelenk, mit dem er täglich an die Steckdose muss.“

Smarte Swatch mit Bluetooth und NFC

Die smarten Uhren von Swatch, die bald auf den Markt kommen sollen, würden aber trotzdem mit iPhones und Android-Geräten kompatibel sein. Die Uhr könne dem Smartphone Daten mittels der Technologien Bluetooth Smart oder Near Field Communication (NFC) senden. Der Nutzer müsse diese Transfers autorisieren, sagte Hayek, und behalte damit die Kontrolle über seine Daten. Der Swatch-Chef hält den Hype um die Smartwatches bereits für vorbei: Die Leute hätten realisiert, dass auch Apple nur mit Wasser koche. Die Apple Watch beinhalte keine „Killer-App“ und die Batterieleistung sei eine Enttäuschung.

Wie passen Digitalisierung und Luxusuhren zusammen? Die Baselworld 2015 lieferte viele Antworten.

Wie passen Digitalisierung und Luxusuhren zusammen? Die Baselworld 2015 lieferte viele Antworten. (Foto: Stefan Schmidli/MCH Messe Schweiz AG)

Der Uhrenexperte der Welt, Joern Frederic Kengelbach, berichtet in einem sehr interessanten Artikel auf Welt-Icon von der Frühjahrsmesse für Uhren in Genf über eine Sensation: „Montblanc entwirft eine eigene Smartwatch. Das Modell von Montblanc hat weiterhin ein mechanisches Uhrwerk. Und eine Batterie im Armband. (…) E-Strap“ nennt Montblanc seinen Einstieg in die Wearable-Technologie.“ Die Frage war: „Wie kombiniert man Wearables und Smartwatches mit Feinuhrmacherei? (…) Die Lösung: Bei der ersten Hybriduhr der Welt wird über das Uhrenarmband ein ultra-robuster Minicomputer mit Touchscreen gestülpt, der über Bluetooth mit dem Smartphone verbunden wird. Neben einem Activity Tracker, der die körperliche Aktivität misst, kann man Nachrichten von seinem iPhone oder Android-Smartphone empfangen und lesen, die sich vibrierend ankündigen. Gleichzeitig funktioniert das Gerät über eine App aber auch als Fernauslöser für die Digitalkamera des Handys, das mit Hilfe einer Find-Me-Funktion aus bis zu 30 Metern Entfernung lokalisiert werden kann.“

“Montblanc-CEO Lambert: E-Strap schon von 7.000 Händlern geordert“

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Montblanc-CEO Jérôme Lambert sprach auch über die Marktchancen des Hybrid-Modells: „Ohne unsere eigenen Boutiquen wurde die Uhr in zwei Tagen bereits von 7.000 Händlern auf der Welt geordert. Das ist ein enormer Wert.“ Vor allem, wenn man sich überlegt, dass Kunden ja neben dem Tool auch noch den mechanischen Chronographen für rund 4.700 Euro dazukaufen müssen. Und damit gibt sich Lambert nicht zufrieden: „Wir wollen zur Zeit unsere eigene Kundennachrage befriedigen, aber ab September werden wir das E-Strap für rund 350 Euro separat anbieten.“

Kein Wunder dass immer mehr Marken in das Smartwatch-Segment einsteigen: Die Marktforscher von Strategy Analytics sagen voraus, dass der Smartwatch-Markt dieses Jahr von 4,6 auf 28,1 Millionen verkaufte Einheiten regelrecht explodieren wird – und Apple, so die Prognosen, werde einen Marktanteil von 55 Prozent erreichen.

Kann die Apple Watch ein Luxus-Produkt sein?

Auf der Baselworld hatte ich Gelegenheit, mit Loek Oprinsen, Managing Director der International Luxury Partners GmbH & Co. KG (ILP), zu sprechen. Er ist als Managing Director bei ILP als exklusiver Agent für die Marken EBEL, Louis Erard, Christian van der Klaauw, Choices by DL und Montegrappa unter Anderem in den Ländern Deutschland, Österreich zuständig. Wir sprachen über die Apple Watch und die Digitale Strategie von ILP.

Loek Oprinsen glaubt, dass die Apple Watch schon aufgrund der Marketingpower erfolgreich sein wird und dass das Auswirkungen auf die Marktanteile haben wird: „Da das Geld, das für diese Uhr bezahlt wird, erstmal ausgegeben ist, erwarte ich, dass vor allem Marken im Preisbereich zwischen 400 bis 800/1.000 Euro VK davon mehr betroffen sein werden. Mit den von uns vertriebenen Uhren, wie zum Beispiel den Uhren von EBEL, liegen wir hingegen im Preissegment ab 1.350 Euro. Das Luxussegment wird weniger davon betroffen sein“

Digitalisierung bringt neue Strategien

Wir sind beide sehr neugierig, wie es sich auswirkt, wenn man in klassische Uhren technical devices einbaut und dann – ähnlich wie beim iPhone – die Uhr quasi alle zwei bis drei Jahre überholt ist und eigentlich ausgetauscht werden muss. Ist der Konsument dann bereit, wieder eine neue Uhr zu kaufen? Bisher war er es ja gewohnt, dass er eine hochwertige Uhr sehr lange tragen kann und sie sogar an die nächste Generation vererbt wird. Ein Smartphone ist ein Gebrauchsgut , während eine Uhr ein Luxusgut darstellt. „Die Verbindung von technical features mit einer klassischen Uhr kann ich nicht so gut einordnen“, sagte Loek Oprinsen.

Michael Sandvoss mit Loek Oprinsen (r.) auf der Baselworld 2015. (Foto: Privat)

Mit Loek Oprinsen (r.) auf der Baselworld 2015. (Foto: Privat)

Vor diesem Kontext passt es für den ILP-Managing Director, dass einige Uhrenmarken sich aus der Haute Hologerie zurückziehen, um ein neues Kundensegment anzusprechen, welches jünger und technisch sehr affin ist. Eine Uhrenmarke konnte, wie oben erwähnt, in diesem Zuge bereits Google und Intel als Kooperationspartner gewinnen und in dieses Segment einsteigen. „Uhrenmarken mit derartigen Konzepten konzentrieren sich auf ein Preissegment von 500 bis 1.500/2.000 CHF, setzen somit auf Volumen und sind sehr innovativ. Ob sich dieser Trend langfristig hält, kann ich nicht sagen. Luxusuhren, die vom Konsumenten als beständiger Wert gesehen werden, in Kombination mit technischen Details, die stets im Wandel sind und schnell ,veralten‘, stehen für mich derzeit im Kontrast zueinander.“

Abschließend interessierte mich, wie Loek Oprinsen bei ILP das Konzept der Digitalisierung umsetzt. „Wir investieren zwar immer mehr in digitales Marketing, da wir den Trend erkennen“, sagte er. „Für mich ist Luxus im Zusammenhang mit Kommunikation jedoch immer noch stark mit Print verbunden. Luxus, in der heutigen Welt, heißt Zeit haben, sich Zeit nehmen. Das Internet dient mir derzeit vor allem dazu, schnell Neuigkeiten und Nachrichten lesen zu können und somit immer auf dem neusten Stand zu sein. Das Gefühl, dass man mit einem Magazin oder einem Buch hat, ist ein ganz anderes als beim Nutzen des Internets. Das Internet ist schnell, bedeutet instant access. Bei Print geht man einen Schritt zurück, man liest sich ein. Das Internet erreicht bisher nur in Teilen die Wertigkeit die man für Luxus braucht.“

Dies korrespondiert übrigens mit aktuellen Neuromarketing-Forschungsergebnissen, wie sie beispielsweise Dr. Hans-Georg Häusel von der Gruppe Nymphenburg Consult AG in München ergründet wurden. Er unterscheidet Luxus in verschiedene Formen und weist diesen unterschiedliche Hirnareale und damit auch ein unterschiedliches Mediennutzungsverhalten zu.

Die Baselworld ist der Treffpunkt der Luxusbranche im Frühjahr. Stand von Fendi

Die Baselworld ist der Treffpunkt der Luxusbranche im Frühjahr. (Foto: Stefan Schmidli/MCH Messe Schweiz AG)

Die Gewinner der „Uhr des Jahres“

Abseits der Fragen rund um die Digitalisierung der Luxusuhren und den großen Herausforderungen, die das Jahr 2015 mit sich bringt, war eines der Highlights der Baselworld natürlich wieder die Verleihung der „Uhr des Jahres“ durch die Zeitschrift ARMBANDUHREN und die WELT am Sonntag. Diesmal ging der Top-Preis der mechanischen Uhrenindustrie an Patek Philippe, Omega, Parmigiani und Nomos Glashütte. Erstmals wurde von der Jury übrigens auch eine Uhrenpersönlichkeit des Jahres gekürt. Die Auszeichnung ging an Carole Forestier, die Chefuhrmacherin bei Cartier.

Hier sind alle Gewinner im Überklick:

Leserwahl

KLASSISCHE UHR 2015
1. Platz: Lambda Roségold von NOMOS Glashütte

SPORTUHR 2015
1. Platz: Ahoi Atlantik von NOMOS Glashütte

Die Sieger der Leserwahl der „Uhr des Jahres 2015“: NOMOS Ahoi Atlantik und NOMOS Lambda Roségold

Die Sieger der Leserwahl der „Uhr des Jahres 2015“: NOMOS Ahoi Atlantik und NOMOS Lambda Roségold (Fotos: NOMOS)

Entscheidungen der Jury

TRENDSETTER DAMEN 2015
„Tonda Métroplitaine“ von Parmigiani Fleurier

TRENDSETTER HERREN 2015
„Omega Seamaster Aqua Terra Master Co-Axial“

GRANDE COMPLICATION 2015
Patek Philippe, Ref. 5175 „Grandmaster Chime“

UHRENPERSÖNLICHKEIT DES JAHRES 2015
Carole Forestier-Kasapi, Cartier

Die Siegermodelle der „Uhr des Jahres 2015“: „Tonda Métroplitaine“ von Parmigiani Fleurier, „Omega Seamaster Aqua Terra Master Co-Axial“ und Patek Philippe, Ref. 5175 „GRANDMASTER CHIME“ (Fotos: Hersteller)

Die Siegermodelle der „Uhr des Jahres 2015“: „Tonda Métroplitaine“ von Parmigiani Fleurier, „Omega Seamaster Aqua Terra Master Co-Axial“ und Patek Philippe, Ref. 5175 „Grandmaster Chime“ (Fotos: Hersteller)

Patek-Philippe-Stand auf der Baselworld 2015. (Foto: Stefan Schmidli/MCH Messe Schweiz AG)

Patek-Philippe-Stand auf der Baselworld 2015. (Foto: Stefan Schmidli/MCH Messe Schweiz AG)

Neben all den großen internationalen Marken haben mich auf der Baselworld 2015 wieder einmal die deutsche Manufakturbetriebe sehr beeindruckt.
Mehr dazu in Teil 2 meines Berichts von der Baselworld 2015.

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