Die tiefen Zinsen bleiben uns erhalten

Die tiefen Zinsen bleiben uns erhalten

Finanzen & Wirtschaft 6 min. Lesezeit
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Roger Studer Anlage- und Finanzexperte

derinews: Sie vertreten die Interessen der Zertifikatebranche in Deutschland. Wie ist derzeit die Stimmung Ihrer Mitglieder?

Gut. Laut den Ergebnissen einer Umfrage, die wir vor kurzem bei mehr als 20 Banken durchgeführt haben, war 2014 ein erfolgreicheres Zertifikatejahr als 2013. Rund ein Drittel ist der Meinung, dass die erste Hälfte 2015 nochmals besser wird. Unsere Mitglieder sind auch in Bezug auf die Märkte optimistisch. Immerhin rechnet jeder zweite im ersten Halbjahr 2015 mit einem weiteren Anstieg des deutschen Leitindex DAX®. Bisher haben sie trotz des schwierigen Umfeldes Recht behalten.

Lars Brandau_2Lars Brandau
Geschäftsführer Deutscher Derivate Verband
Lars Brandau ist seit Gründung des Deutschen Derivate Verbandes (DDV) dessen Geschäftsführer und vertritt den DDV auch in den Arbeitsgruppen des europäischen Dachverbandes EUSIPA. Der studierte Germanist und Politologe gilt als ausgewiesener Kommunikationsprofi. Zuvor war er 15 Jahre in verschiedenen leitenden Funktionen tätig, unter anderem beim Nachrichtensender n-tv zuletzt als Chefmoderator. In dieser Zeit berichtete er als Reporter aus Kriegsund Krisengebieten, kommentierte zahlreiche deutsche Landtags- und Bundestagswahlen und moderierte drei Jahre lang die Telebörse.

derinews: Aber das Gesamtvolumen des deutschen Zertifikatemarktes belief sich Ende 2014 auf weniger als 80 Milliarden Euro. Warum fällt das Marktvolumen in Deutschland trotz steigender Aktienmärkte?

Grösstenteils liegt das an den Rückgängenbei den Kapitalschutz-Produkten. Das schon so lang andauernde Niedrigzinsumfeld führt bei diesen zu unattraktiveren Angebotskonditionen. Emittenten verfügen derzeit nämlich nicht über entsprechende Zinseinnahmen während der Laufzeit, um zusätzlich zum Kapitalschutz ansprechende Aktienchancen aufzubauen. Einen Aufwärtstrend gibt es dagegen bei den offensiveren Anlagezertifikaten.

derinews: Welche Produkte sind das?

Hierzu zählen Aktien- und Bonitätsanleihen, aber auch Index- und Discount-Zertifikate. Besonders beliebt sind vor allem Aktienanleihen, sogenannte Reverse Convertibles. Ihr Anteil am Marktvolumen liegt in Deutschland derzeit bei 6.5 Milliarden Euro bzw. 9.3 % Marktanteil. Noch im Januar 2013 lagen diese Werte bei 5.4 Milliarden Euro bzw. 5.8 %.

derinews: Reverse Convertibles wurden auch in Ihrer Umfrage bei den Emittenten genau wie im Vorjahr als Produktkategorie mit dem grössten Zuwachspotenzial genannt. Woran liegt das?

Das hängt sicherlich mit dem langjährigen Niedrigzinsumfeld und ihren festen Coupons zusammen. Genau wie andere festverzinsliche Wertpapiere bieten Reverse Convertibles einen vorab festgelegten Zinssatz. Ihr Vorteil: Der Zinssatz liegt in der Regel weit über dem Niveau von klassischen Anleihen. Allerdings hängt die Rückzahlung des Nennbetrages bei Fälligkeit vom Kurs der zugrunde liegenden Aktie ab. Es kann am Laufzeitende passieren, dass der Nennbetrag dann nicht ausbezahlt, sondern stattdessen die Aktie ins Depot gebucht wird. Dann kann der Anleger jedoch auf eine spätere Kurserholung setzen.

derinews: In der Schweiz sind derzeit insbesondere Aktienanleihen mit Barriere bei den Anlegern beliebt. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, absolut. Der Vorteil ist hier, dass die Aktienanleihe mit einem zusätzlichen Sicherheitspolster in Form einer Barriere unterhalb des Ausübungspreises versehen ist. Erst wenn der Kurs der Aktie die Barriere berührt oder durchbricht, nimmt das Papier wie ein gewöhnlicher Reverse Convertible in vollem Umfang an der weiteren Wertentwicklung teil.

derinews: In Deutschland und der Schweiz werden auch Bonitätsanleihen immer gefragter. Sind die Produkte für Anleger zu risikoreich, weil sie ein doppeltes Ausfallrisiko bergen?

Es gibt tatsächlich ein doppeltes Schuldnerrisiko. Nämlich das des Emittenten und das des Referenzschuldners. Allerdings können Anleger zumindest das Emittentenrisiko mit pfandbesicherten COSI®-Produkten einiger Zertifikateanbieter nahezu ausschliessen, sodass praktisch nur ein einziges Ausfallrisiko– das des gewählten Referenzschuldners –bleibt.

derinews: In der Schweiz können Anleger auf elektronischen Plattformen mittlerweile die Preise von verschiedenen Anbietern direkt vergleichen. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten solcher Plattformen für standardisierte Zertifikate ein?

Für Anleger ist das natürlich nur von Vorteil. Sie können die Preise damit einfach vergleichen und zum günstigsten Preis ein massgeschneidertes Zertifikat erwerben. Das verschärft selbstverständlich den Wettbewerb unter den Emittenten erheblich. Entsprechend würde ich die Erfolgsaussichten auch für standardisierte Zertifikate als äusserst hoch einschätzen und das Mehr an Preistransparenz begrüssen.

derinews: Um ein Mehr an Transparenz ging es in Deutschland auch bei der Einführung des IEV, des «Issuer Estimated Value». Worum geht es dabei genau?

Der IEV ist Teil unserer Branchenselbstverpflichtung, dem sogenannten Fairness-Kodex. Es handelt sich dabei um eine Art vom Emittenten geschätzten «inneren Wert», der in Deutschland in den Produktinformationsblättern der strukturierten Anlageprodukte ausgewiesen wird. Im Vergleich zu anderen Asset-Klassen sind wir damit in Sachen Kostentransparenz weit vorne.

derinews: Und wie reagieren die Zertifikatebanken?

Was sich in der Praxis bislang zeigt, ist erfreulicherweise ein ausgeprägtes Korrektiv der Emittenten untereinander. Sie achten sehr genau darauf, dass sich ihre jeweiligen Wettbewerber an die Anforderungen des Fairness-Kodex halten.

derinews: Wie beurteilen Sie die Transparenzbemühungen des Schweizer Marktes für strukturierte Produkte?

Auch bei unseren Schweizer Kollegen des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP) sind Ausbildung und Transparenz die Dauerthemen. Wir befinden uns im ständigen Austausch mit Georg von Wattenwyl, der nicht nur bei Vontobel, sondern auch beim Schweizer Verband eine führende Rolle einnimmt.

derinews: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Selbstverständlich. Es gibt in der Schweiz eine vorbildliche Aufklärungs- und Wissensinitiative. Mit Massnahmen wie «Strukis leicht gemacht» werden Anlegern Stärken und Einsatzmöglichkeiten strukturierter Produkte einfach erklärt. Auch von Veranstaltungen wie den «InvesTalk» profitieren vor allem Privatanleger, die noch keine oder wenig Erfahrung mit strukturierten Produkten haben. Das ist meines Erachtens der richtige Weg. Damit eine Person im Finanzbereich fundierte und eigenständige Investitionsentscheidungen fällen kann, muss sie bereit sein, Informationen aufzunehmen, zu bewerten, Risiken sorgfältig abzuwägen und Alternativen zu vergleichen.

derinews: Welche Aspekte sind Ihnen ein besonderes Anliegen im Rahmen der europäischen Dachorganisation EUSIPA?

Immer wieder beobachten wir, dass Regulierungsvorhaben auf nationaler und europäischer Ebene, die den gleichen Regelungsinhalt haben, nicht aufeinander abgestimmt sind und zum Teil zu doppeltem Ausführungsaufwand führen. Das kann für die Emittenten in Deutschland und der Schweiz sehr kostspielig werden. Mit EUSIPA hat die Zertifikatebranche eine starke Stimme in Brüssel, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken.

derinews: Wo stehen der DAX® und der Dow Jones in einem Jahr?

Solche Vorhersagen von selbsternannten Experten sind meines Erachtens sehr fragwürdig und ich halte mich daher zurück. Doch auch ohne Finanz-Kristallkugel steht zumindest eines fest: Die tiefen Zinsen bleiben uns erhalten. Private Anleger sollten somit auch 2015 reale Vermögensverluste bei der Geldanlage vermeiden.

derinews: Und wozu würden Sie Anlegern derzeit raten?

Grundsätzlich sollten Anleger auf Aktien und Zertifikate setzen, dabei auf ein gut diversifiziertes Depot achten und stets vor dem Kauf eines Wertpapiers festlegen, ab welchen Kursschwellen sie Gewinne mitnehmen oder Verluste realisieren. Ich weiss aber sehr wohl, dass das eine Handlungsmaxime ist, die einfach klingt, jedoch schwer zu befolgen ist.

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