Irrfahrt durch die Gefahren der digitalen Welt

Irrfahrt durch die Gefahren der digitalen Welt

Digitalisierung 4 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Meine Gedanken zu Evgeny Morozovs Buch Smarte neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen: Also irgendwie werde ich mit dem Autor bzw. seinem Buch nicht so richtig warm: auf den ersten 100 Seiten versucht Evgeny Morozov, uns den Unterschied zwischen dem Internet und der digitalen Welt zu erklären. In tausend Beispielen weist er uns darauf hin, wie viele Menschen die Begriffe und Funktionen nicht richtig auseinander halten können. Das bedeutet für den Autor offenbar erst mal, dass wir von Deppen umgeben sind und regiert werden. Darüber kann sich jeder selber ein Urteil erlauben, aber wirklich zielführend finde ich diesen Einstieg nicht.

Danach geht Morozov mit erhobenem Zeigefinger viele viele Fälle durch, in denen die digitale Welt nicht unbedingt zum Vorteil von uns Menschen gereicht.

Beim Lesen werde ich immer ungeduldiger: ich kann keinerlei Gespür dafür entwickeln, warum uns der Autor auf all diese Dinge aufmerksam macht. Was sind seine Ziele? Will er uns zur totalen Abkehr vom Digitalen raten?

Also ehrlich, Herr Morozov, da kann man doch von jemandem, der sich so viele Gedanken gemacht hat, mehr Konstruktivität erwarten!

Denn nicht das Digitale an sich ist schlecht, sondern das, was wir Menschen daraus machen – und das, was wir zulassen, das andere daraus erschaffen.

Insofern bringen diese zahlreichen Aufzählungen von toll recherchierten Details, auf welche Weise Jeff Bezos und andere Technokraten unseren Planeten ins Verderben stürzen, uns erst mal nichts.

Dann kommt etwas Interessantes, nämlich eine kleine Formel:

Wissen+Geschmack=aussagefähiges Urteil

Ohne profundes Wissen darf man nach Morozov am besten gar nicht seinen persönlichen Geschmack hinzupacken; auf jeden Fall kann man ohne die beiden Zutaten nicht zu einem aussagefähigen Urteil gelangen. – Darf ich (darf irgendjemand) also über dieses Buch überhaupt urteilen?

Im vorletzten der neun großen Kapitel geht es dann den „Daten-selbst- Aufzeichnern“ (das sind die mit den Fitness- Armbändern und schlimmeren Gadgets) an den Kragen. Quasi endlos beweist der Autor anhand unzähliger Quellen und Beispiele, was diese Menschen denn für Idioten sind. Geht das nicht auch anders? Muss der Autor uns seine Meinung mittels schierer Masse an recherchierten Beispielen näher bringen – wenn diese doch schon nach wenigen Zeilen im Kapitel deutlich wird? (Aber so kann man ein Buch natürlich auch auf über 600 Seiten bringen.)

Letztes Kapitel: unser Wille, und warum uns die digitale Welt und das Internet selbstgefällig und müde machen. Wir werden von bösen Mächten beeinflusst, dir wir nicht mehr durchschauen. Allerdings probieren wir das in den letzten 100 Jahren im Wahlkampf und anderen Macht-Strukturen auch schon, ohne dass digitale Technik zum Einsatz gekommen ist. Natürlich wird alles durch die digitalen Möglichkeiten noch viel schlimmer. Aber was ist der Kern dieser Aussagen?

Mein Fazit: nur weil wir mit Hilfe der digitalen Technik Informationen schneller verarbeiten können als je zuvor, bedeutet das doch noch lange nicht, dass diese Technologie dafür verantwortlich ist, was wir als Menschen daraus machen. – Oder?

Klar gibt es Technologie- Heilsbringer, die von der digitalen Sache fanatisch überzeugt sind und damit zufällig auch noch viel Geld verdienen. Aber nur diese als Repräsentanten für das Digitale zu nehmen und daraus alles Unheil für uns Menschen abzuleiten, erscheint mir doch zu indifferent.

Dann – ganz zum Schluss – im Nachwort gibt es noch einen Lichtblick: Da wird irgendwie klar, dass Morozov die Technik nicht für alles verantwortlich macht. Schön! – Aber eigentlich verstehe ich jetzt gar nichts mehr. Was stand denn dann auf den letzten 400 Seiten seines Buches wirklich?

Meine Vermutung ist, dass der Autor zwei Betrachtungen in seinen Gedanken miteinander verbindet: zum einen die kapitalistische Sicht der großen Internetkonzerne und wie sie unsere digitale Welt monopolistisch beeinflussen, und zum anderen die immer digitaler werdende Welt an sich. Im Hinblick auf die großen Internetkonzerne ergeben die meisten warnenden Worte des Autors auf jeden Fall Sinn. Aber man könnte die beiden Ansätze natürlich auch getrennt betrachten…

Oder muss man einfach so negativ über die digitale Welt und deren Gefahren berichten, um in der FAZ eine Kolumne zu bekommen?

 

Evgeny Morozov
Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen
Karl Blessing Verlag, 656 Seiten, 24,99 Euro
Kindle Ausgabe 19,99 Euro

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