Ist Kontrollverlust wirklich das Schlimmste, was uns widerfährt in der digitalen Welt?

Ist Kontrollverlust wirklich das Schlimmste, was uns widerfährt in der digitalen Welt?

Digitalisierung 2 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Viele Gedanken in Michael Seemanns Buch sind großartig, andere erwecken den Eindruck, dass sie nicht ganz zu Ende gedacht sind. In Summe auf jeden Fall eines dieser Bücher, von denen es nicht genug geben kann: Hier begibt sich jemand mit digitalem Sachverstand auf die Reise, unsere aktuelle Welt zu verstehen – und lässt andere daran teilhaben.

Sehr plastisch und verständlich arbeitet Michael Seemann heraus, wie Daten “früher” immer von Menschen gesammelt, aggregiert, bewertet und dann als Information oder Wissen an andere Menschen weitergegeben wurden. Aber jetzt sind Maschinen am Werk, und können diese bisher menschliche Domäne scheinbar unendlich skalieren.

Für Michael Seemann bedeutet das Kontrollverlust, denn

  • wir wissen nicht, welche Daten wann erhoben werden (denn alles wird digitalisiert),
  • wir bestimmen nicht, was gespeichert wird, und
  • wir haben keine Ahnung was im Nachhinein damit geschieht, und wie diese Daten interpretiert werden.

Dabei ist Kontrollverlust doch eigentlich völlig normal für alle, die nicht einfach den Status quo erhalten, sondern die Welt voranbringen wollen: Denn was ist so schlimm daran, wenn man Daten und Informationen aus klinischen Studien, Satellitenaufnahmen oder Maschinen im Nachhinein neu bewertet und damit existierende Denkmuster nieder reißt?

Andere nennen das nüchtern und weniger selbst-zentriert “Big Data”. Das Schlimme an Big Data ist ja nicht die Methodik an sich, sondern dass wir diese Datensammel- und Auswerte-Möglichkeit sowohl mit Sach-Daten, als auch mit aktuellen sowie “uralten” persönlichen Informationen bestücken und uns dann wundern, welche Geister wir gerufen haben.

Statt alles unter den Schreckensbegriff des unausweichlichen und (zumindest nicht für die Nicht-Konservativen) gar nicht so schlimmen Kontrollverlusts zu stellen, könnte man die gesamten Gedanken auch auf die wirkliche Ursache unserer aktuellen Probleme abstellen: Das ungezügelte Sammeln von persönlichen und wirklich privaten Informationen in Erwartung neuer Erkenntnisse aufgrund der Methoden aus dem Big Data Arsenal. Denn der Verlust unserer eigenen und persönlichen Datensouveränität wiegt doch schwerer als der unumstößliche Kontrollverlust, der auch schon bei der Sammlung und Verarbeitung von Maschinendaten eintritt. Trotz dieses blinden Fleckes aus der Welt der Konservativen enthält das Buch anregende neue Metaphern und eine lesenswerte Schlussfolgerung aus der aktuell nicht so ganz rund laufenden digitalen Welt.

Michael Seemann hat sich außerdem – quasi auf der Meta-Ebene – noch mit neuen digitalen Konzepten für die Welt von morgen auseinandergesetzt: Er hat das Buchprojekt für sich über ein Crowdsourcing-Projekt finanziert und bedient die verschiedenen Vertriebs- und Verbreitungs-Kanäle jetzt mit konsequenter und bewundernswerter innovativer Digital-Logik (also sehr, sehr unkonservativ).

 

Michael Seemann
Das neue Spiel: Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust
orange-press, 256 Seiten, 20,00 Euro
Kindle Ausgabe 4,99 Euro

"Ist Kontrollverlust wirklich das Schlimmste, was uns widerfährt in der digitalen Welt?"