Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Luxus-Segment?

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Luxus-Segment?

Lifestyle 5 min. Lesezeit
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Michael Sandvoss Experte für Luxus und Lifestyle

Facebook, Twitter, Whats App – soziale Netzwerke, zunehmend auch mobil per Smartphone, zu nutzen, ist heute auch bei einem großen Teil der Luxus-Klientel Alltag. Auf Schritt und Tritt begleiten uns die digitalen Alleskönner – oder digitalen Fußfesseln (?) -, und mit ihnen schwillt auch der stetige Strom an Informationen und Kommunikation ständig an. Die Gesellschaft wird immer mehr beschleunigt.

Die Gegenbewegung ist der Trend zu Yoga, Meditation und Achstamkeitsübungen. Die Ratgeber in diesem Segment haben Hochkonjunktur. Das Mindfulness oder Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) nach John Kabat Zinn und Yoga Meditationstechniken wie zum Beispiel TM, das bereits in den 1970er-Jahren weltweit Erfolge feierte, sind besonders in den USA wieder en Vogue. US-Top-Entertainerin Oprah Winfried spricht viel über ihre positiven Erfahrungen mit dieser Technik.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Kunden der Luxusbranche aus?

Die Digitalisierung und der oben beschriebene Mindfulness-Trend verändert die Bedürfnisse der Klientel auch im Luxus-Segment.

  • Immatrieller Luxus wird – zumindest für die westliche Welt – wertvoller. Das zeigt zum Beispiel Professor Doktor Stefan Hencke vom Institut Convenis der Universtität München in seinen Vorträgen auf. Der neue Luxus basiert seiner Ansicht nach mehr auf einer “erlebnis- und erfahrungsorientierten Einstellung”, durch die “die Bedeutung des tatsächlichen Wertes eines Guts” stärker in den Fokus rückt.
  • Er macht außerdem deutlich, dass sich in den Luxus-Märkten ein Wandel vollzieht, der vor allem in der westlichen Hemisphäre zu neuen Werten und Schwerpunkten führt. Während sich auf den asiatischen Märkten die Entwicklung hin zum primär äußerlich und über sichtbare Statussymbole definierten Luxus vollzieht, orientieren sich westliche Luxusmärkte eher hin zum inneren Luxus.

Trend zu handgefertigen Einzelstücken und Unikaten

Eine Reaktion darauf ist auch der in den letzten Jahren wachsende Trend hin zu handgefertigten Einzelstücken von einer Manufaktur wie zum Beispiel bei mechanischen Uhren mit ausgefallenen Komplikationen oder indivdualisierte Produkte im Fashion-, Accessoire- oder Living-Bereich. Ebenso achten die Konsumenten zunehmend auf die Nachhaltigkeit der Luxusprodukte. Die hohe handwerkliche Kunst, ihre Einzigartigkeit und die dafür investierte Produktionszeit mit der Liebe zum Detail, stellen eine Art Materialisierung der Achtsamkeit dar, nach der sich viele Menschen der westlichen Hemisphäre sehnen.

“Silence is the new luxury“

Eine interessante Auswirkung des Mindfulness-Trends zeigt sich zum Beispiel bei Luxus-Resorts. Leigh Gallagher beschreibt in ihrem Fortune-Artikel folgende Entwicklung:
Der Luxus-Reisende sucht verstärkt die Stille. Luxus-Resorts investieren zum Beispiel in Silence Areas und Silence Rooms.
Die Bedeutung dieses neue Luxus-Gutes „Stille“ – auch für Leigh Gallagher persönlich – zeigt sich im folgenden Absatz des oben verlinkten Artikels:

On our last night, a pair of complimentary T-shirts arrived in our room adorned with the resort’s slogan for the season: “Silence is the new luxury.” I almost teared up. This hotel and I, we were one.

Ruhe – auch vor Erwartungen und Ansprüchen

Diese Sehnsucht nach Ruhe, insbesondere der Großstädter, ist nicht nur in der von Leigh Gallagher beschrieben Stille zu suchen. In ihrem Artikel spricht sie auch einen weiteren Interessenten Aspekt an: “Die Freiheit und Ruhe vor Erwartungen, gesellschaftlichen und sozialen Ansprüchen.”

Die heute allgegenwärtige, vernetzte Kommunikation führt jedoch auch zu einem neuen Level der Transparenz, der sich schnell zu einem enormen Erwartungsdruck und Anspruch entwickeln kann. Menschen in Führungspositionen oder exponierten Stellungen müssen ihre Privatsphäre aktiv schützen. Schirmen sie sich zu stark ab, wird dies sofort als Signal für Heimlichtuerei und Probleme gewertet – ohne irgendeinen Beleg für solche Spekulationen. Die Skandale mit gehackten iCloud-Konten und veröffentlichten Privat-Fotos stellen nur das jüngste Beispiel dieser Sucht nach Transparenz dar. Angesichts dieser Entwicklung ist der Rückzug in Ruhe-Inseln, in denen es keine solchen Erwartungen und Ansprüche gibt, zu einem Luxus-Gut geworden. Der Trend zu völlig abgeschiedenen und geschützten Luxus-Arealen – wie sie beispielsweise Leigh Gallagher beschreibt – belegt dies eindrucksvoll.

“Welchen Einfluss hat die #Digitalisierung auf das #Luxus-Segment?“

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Zusammenfassend kann man festhalten, dass Luxus immer war, ist und sein wird, was für die Mehrheit der Mitmenschen im eigenen Kulturkreis “rares Gut” ist. Luxus ist ein Statement, das über den Besitzer aussagt: “Ich habe einen besonderen Anspruch und meinen ganz eigenen Stil.” In Asien bedeutet Luxus vor allem der Besitz möglichst teurer Güter. In der westlichen Welt spielt der immaterielle Luxus zunehmend eine wichtige Rolle und das Bling-Bling weicht zunehmend einem bescheideneren Auftritt.
Es ist auch Luxus sagen zu können “Ich brauche das nicht” oder “Luxus ist für Selbstverwirklichung und Zeit für mich und meine Familie. Das ist mein wahrer Luxus und mein höchstes Gut”.

Das Verständnis von Luxus ist, wie alles in einer sich wandelnden Gesellschaft, kein starrer Begriff, sondern ist ebenfalls im Wandel. Aber immer muss es etwas Rares, Besonderes sein … Luxus eben. Luxusanbieter und Luxusgüterhersteller stehen hier vor einer großen Herausforderung, diesem Trend Rechnung zu tragen. Er wird sich aus meiner Sicht eher noch verstärken, denn die Kraft der Digitalisierung nimmt weiter zu.

"Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Luxus-Segment?"