Spotify, YouTube oder iTunes – Was ist das beste Modell zum Musikhören?

Spotify, YouTube oder iTunes – Was ist das beste Modell zum Musikhören?

Digitalisierung 4 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Vorweg: Das ist kein Testbericht über einzelne Musik-Dienste mit einem Happy End in Form einer Empfehlung, sondern ein tragischer Bericht über falsche Erwartungen von uns Nutzern und falschen Antworten mehrerer Industrien.

Was wollen wir Benutzer eigentlich?
Eigentlich wollen wir in einfach nur einer bestimmten Situation die richtige Musik hören. Musik transportiert Emotionen, sie ist ein Mittel zum Ausdruck von Selbstwertgefühl und Stimmungen – und ein wichtiger Part von Gruppenidentifikationsprozessen. Musik kann uns entspannen, aufputschen, beruhigen oder einfach nur Ablenkung bei einer langen Autofahrt sein.

Wir wollen auf einen Knopf drücken und los geht´s. Kein schwieriger Kaufprozess, kein kompliziertes Einlegen von CDs, kein „habe ich zu Hause liegen lassen“, kein vorher downloaden – einfach nur hören. Der persönliche Wert eines Musikstücks variiert je nach aktuellem Nutzungs-Aspekt: Musik, die wir bewusst einsetzen oder unbedingt besitzen wollen, ist uns mehr wert, als wenn wir sie nebenher trällern lassen.

Die Geschichte
Episode1 (70er, 80er): Alles ist im Lot: Die Labels investieren in Künstler wie Genesis, Tina Turner oder Herbert Grönemeyer und werden belohnt mit gigantischen Verkaufszahlen an Platten und später CDs. Die Plattenlabel werden reich und mächtig, und einige Stars reich und berühmt.

Episode2 (Anfang der 2000er): Die Umsätze brechen ein. Scheinbar alle Nutzer kopieren ihre Musik illegal. Das Internet ist schuld. Napster bietet eine schicke einfache Oberfläche, genau was wir Benutzer damals wollten. Aber es ist illegal.

Episode3 (ab 2006): Steve Jobs erfindet den iPod und iTunes: Er entbündelt die CDs, jetzt kann man einzelne Stücke für weniger Geld als ein ganzes Album kaufen. Apple arbeitet für die Labels und löst ihr Verteilungsproblem: mit einer schicken Oberfläche und einem einfachen Bezahlprozess schießen die legalen Verkaufszahlen wieder empor. Steve Jobs wird als Retter der Musikindustrie gefeiert. Andere Plattformen übernehmen das Modell. Man kann doch Geld im Internet verdienen.

Episode4 (ab 2011): Streamingdienste wie Spotifiy, simfy, Deezer u.a. kommen auf den Markt. Für eine Flatrate von 10 Euro im Monat kann man auf über 20 Mio Songs zugreifen: bequem, einfach und zeitgemäß. Noch bekommen die Label in diesen Modellen den Bärenanteil an der Beute. Zugleich etablieren sich die vermeintlichen Gratis-Modelle von YouTube, Soundcloud oder Putpat. Sie können kostenlos sein, weil Künstler und Label sie als Marketingkanäle ansehen, um die Verkaufszahlen anzukurbeln. In Wirklichkeit zerstören sie den Markt.

Episode5 (2014): die iTunes Zahlen brechen ein. Noch steigen die Abo Zahlen bei den Streamingdiensten, aber der Gesamtmarkt wird kleiner.

Kann das gut gehen?
Label und Künstler werden nervös: Die Label, weil sie erkennen, dass sie eigentlich überflüssig sind. Und die Künstler, weil sie absehen können, wann sich mit Musik kein Geld mehr verdienen lässt. – Taylor Swift und andere Sternchen treten bei Spotify aus als Protest, dass sie mit dieser Plattform kein Geld verdienen können.

Haben Musikfreaks früher 30, 40 oder auch 50 Euro im Monat ausgegeben, so bekommen alle heute für 10 Euro im Monat eine „all you can hear“ Flatrate. Und der großen Menge der ab und zu Käufer, die früher 3, 5 oder 8 Euro im Monat ausgegeben haben, sind die 10 Euro der Flatrate einfach zu viel. Sie steigen auf die Kostenlos-Angebote mit ein wenig Werbung um.

Kann es eine Lösung geben?
Ja, wenn sich drei Dinge ändern – und zwar alle drei:

  • Ganz anders als eine Reihe von Verlagen im Buchbereich gehen die Label heute keine Risiken mehr ein und haben keine richtige Aufgabe mehr. Wahrscheinlich können Künstler heute auch ohne Label klarkommen.
  • Die Industrie muss uns Nutzern attraktive Angebote machen: Flatrates fördern nur die Stars, die Vielfalt bleibt auf der Strecke. Wer mehr Musik-Vielfalt konsumieren möchte, der muss auch mehr bezahlen. Bisher haben Fans kleiner Bands für deren CDs auch eher mehr bezahlt als für die massenhaft erhältlichen CDs der Pop-Größen. – Hier ist Phantasie für tragfähige Modelle der Zukunft gefragt!
  • Wir Verbraucher müssen von der Kostenlos-Erwartung im Internet wegkommen: Weder bei Google, noch bei Groupon und auch nicht im Musikbereich kann es etwas wirklich umsonst geben. Im Musikbereich führt unser Geiz zu weniger Vielfalt, mehr Einheitsbrei und einer immer schlechteren Qualität!

Dieser Artikel erscheint heute auch in der Print- Ausgabe von Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung in meiner Kolumne auf der Vernetzt-Seite (Seite 27).

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