Verständnis für die Digitale Welt – und eine Art Gebrauchsanweisung für Deutsche Entrepreneure

Verständnis für die Digitale Welt – und eine Art Gebrauchsanweisung für Deutsche Entrepreneure

Digitalisierung 3 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Meine Buchrezension zu “Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt” von Christoph Keese.

Ein Buch über das Silicon Valley von einem Deutschen, der da mal kurz gelebt hat? (Ok, es war immerhin ein halbes Jahr.) Das klang für mich erst mal nicht vielversprechend. – Aber ich sollte mich irren…

Die Geschichte des temporären Lebens in Kalifornien ist für Christoph Keese der Aufhänger für eine systematische Auseinandersetzung mit der digitalen Welt, den Risiken, den Gegebenheiten und den Chancen. Das persönliche Hineintauchen in den Westen der USA, die Städte, die Bebauung, die Kultur und die Lebensweise der Menschen: all dies schafft zunächst eine Menge Verständnis für die Denkweisen, Ansichten und Triebfedern der Menschen in diesem Landstrich. In diesem ersten Kapitel spürt man die Anerkennung, zuweilen sogar Bewunderung, des Autors für die Menschen im Silicon Valley, spätestens seit sie ihn und seine Familie so offen aufgenommen haben.

Das große Kapitel “Die Kultur” beschäftigt sich nach diesen Äußerlichkeiten detailliert mit den inneren Werten, der “Hochgeschwindigkeitsökonomie” und der “Risikokultur”. Der Schreibstil ist flott und angenehm zu lesen, was auch daran liegt, dass viele bekannte Fakten genannt werden. Aber durch die geschickte Einbindung in die persönlichen Sichtweisen und Eindrücke zeichnet Christoph Keese insgesamt ein runderes, menschlicheres und verständlicheres Bild der Strukturen und Mechanismen im wohl berüchtigtsten Tal der Welt.

Im nächsten Hauptkapitel “Die Folgen” ändert sich der Ton: Das Bewundernde und Verstehende weicht einer scharfen Analyse über Plattformen, Monopole, Arbeitswelten und Singularität. Christoph Kees weist schon im Vorwort darauf hin, dass er beim Thema Google ein wenig voreingenommen sein könnte. Angesichts der guten und neutralen Analyse vieler Aspekte war ich darüber ein wenig verwundert: ja beim Thema Google merkt man die persönliche Verbindung. Aber das macht dieses Kapitel nicht schlecht, sondern einfach ein wenig menschlicher.

Anders als bei Morozov kann ich die kritischen Gedankengänge von Keese zur digitalen Welt gut nachvollziehen und bin positiv überrascht, dass wir in der Zentrale eines deutschen Medienkonzerns zum einen solch umfassenden Sachkenntnisse, zum anderen aber auch eine so positive und lösungsorientierte Grundhaltung zur digitalen Welt antreffen können. Diese Analyse und Meinung von Christoph Keese muss sich vor einem Schrems oder Lanier und ihren Büchern nicht verstecken – und erst recht vor keinem Eric Schmidt.

Dies wird besonders im letzten Kapitel “Und jetzt?” deutlich: Hier versucht sich Christoph Keese an einer Art Agenda oder Fahrplan, den Politik und Gesellschaft gemeinsam angehen und umsetzen können, um die Chancen der digitalen Welt nicht einfach den Amerikanern aus einem kleinen Landstrich im Südwesten zu überlassen.

Von meiner Seite gibt es aus verschiedenen Gründen eine klare Empfehlung. Das Buch

  • ist trotz der zahlreichen Informationen kurzweilig;
  • vermittelt Verständnis für die Geschäftspraktiken von Google, Facebook und Co.;
  • versucht eine Konsensbildung der eigenen deutschen Stärken für die digitale Welt und
  • hat mit der Integration und Bewertung von aktuellen Digital-Themen (wie Uber oder AirBnB) einen hohen Aktualitätsbezug.

Wer die Denkweisen der großen Internetkonzerne in nett geschriebener Form etwas klarer verstehen will, und sich dabei damit auseinander setzen möchte, was wir hier in Deutschland anders und vielleicht auch besser machen könnten, sollte dieses Buch lesen!

Christoph Keese
Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt
Albrecht Knaus Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro
Kindle Ausgabe 15,99 Euro
Audio-CD 12,99 Euro

"Verständnis für die Digitale Welt – und eine Art Gebrauchsanweisung für Deutsche Entrepreneure"