Ello: Kann der Neuling am Netzwerkhimmel Facebook Konkurrenz machen?

Ello: Kann der Neuling am Netzwerkhimmel Facebook Konkurrenz machen?

Digitalisierung 4 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

“You are not a product.” Mit dieser Aussage sorgt das junge Soziale Netzwerk Ello gerade nach eigenen Angaben für einen Ansturm weiterer Nutzer. Gar nicht so einfach für ein Startup, das sich gerade in einer geschlossenen Beta-Phase befindet! Was dran ist an dem Manifest und der versprochenen Werbefreiheit, wird die Zukunft zeigen. Welche Unwägbarkeiten dem Unternehmen Ello in den nächsten Wochen ins Haus stehen, damit beschäftige ich mich in diesem Artikel, der heute auch auf der “Vernetzt”-Seite der Printausgabe von Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung erscheint.

Ello: das neue Facebook, nur ohne böse Hintergedanken? So ist die Story, die wir gerade überall über das Wunder-Startup aus Vermont lesen können. Schauen wir uns mal ein paar Fakten dazu an:

Der Projektstatus: Das Projekt Ello ist gerade mal seit zwei Monaten öffentlich, nach eigenen Angaben befindet man sich in einer geschlossenen Beta Phase. Diese mündet dann in einer im Startup Fachjargon MVP (Minimum Viable Product) genannten Version. MVP ist die Minimal- Version, die für den Benutzer bereits den Kern-Nutzen transportiert. In die aktuelle geschlossene Beta Phase kommt man nicht so einfach rein. Bevor wir uns unseren eigenen Eindruck erlauben können, müssen wir uns also noch gedulden. Auch DropBox, Facebook und Instagram hatten seinerzeit eine MVP auf den Markt gebracht. Aber niemand hatte darüber berichtet. Und wir in Europa hatten davon gar nichts mitbekommen.

Der Unternehmensstatus: Das Unternehmen hat gerade eine sogenannte Seed Finanzierung über 435.000 US Dollar erhalten. Das ist die allererste Runde, um die MVP Version zu bauen und zu testen, ob es wirklich Nutzer für die Idee gibt. Ello kommt nicht aus dem Silicon Valley. Da lautet nämlich die erste Frage der Investoren: Lieber Gründer, willst Du dich irgendwann mal mit Google oder Facebook anlegen? Wenn diese Antwort bejaht wird, hat eigentlich kein ‘normaler’ Silicon Valley Investor Lust, weil ihm das Risiko zu hoch ist.

Die aktuell eingesetzte Investitions-Summe ist für Venture Kapital Fonds noch sehr klein. Spannend wird also sein, ob sich ein Investor für die nächste anstehende Investitionsrunde, die sogenannte Series A, findet und ob der dann eingesammelte Betrag eher verhalten (2 Mio US Dollar) oder großzügig (15 Mio US Dollar) ausfällt.

Der Spannungsbogen: Das Ello Manifest verspricht, das mit dem Datenschutz irgendwie besser zu machen als Facebook. Wie genau, ist noch gänzlich unklar. Auf Nachfrage räumt das Unternehmen bereits ein, dass selbstverständlich ein paar Daten zentral gesammelt werden, um das Benutzer- Erlebnis ständig verbessern zu können. Firmengründer Budnitz betont, dass Ello natürlich etwas ganz anderes als Facebook sei, um die Erwartungen nicht weiter in die Höhe zu treiben.

Der aktuelle Kommunikations-Hype zeigt, dass Ello einen Nerv getroffen hat: Ob das der Nerv der Benutzer, oder eher der Nerv der schreibenden Zunft ist, werden die nächsten Monate zeigen.

Der Markt: Ein soziales Netzwerk lebt von einer möglichst großen Anzahl von Nutzern. Hier ist eine Neugründung also klar im Nachteil gegenüber den Platzhirschen. Selbst Google+ mit seiner brachialen Marktmacht der Reichweitenverstärkung über alle Google-Kanäle hat es bisher nicht geschafft, ein ernsthafter Rivale für Facebook zu werden. Neben der schieren Masse an Usern braucht man aber noch einen weiteren Punkt: wiederkehrende Nutzer. Und die kann man eigentlich nur dadurch halten indem man ihre Bedürfnisse dauerhaft erkennt und befriedigt. Also ein anderes Vorgehen als wir es bisher bei Ello sehen. Wird Ello nach dem Hype mit einer stabilen Nutzerschaft rechnen können? Genau das ist die spannende Frage.

Die Erwartungen an Ello sind gigantisch: Wird der Spannungsbogen reichen, um genügend Benutzer dauerhaft zu binden? Jetzt muss Ello erst´ mal ein ganz banales technisches Problem lösen: Mit so gut wie keinem Geld aus der Seedphase müssen Millionen Interessenten ausprobieren können, ob der Dienst etwas für sie ist. Ob ihnen dabei bewusst ist, dass es sich um eine erste MVP Version handelt? Oder legen sie die hohen Maßstäbe eines normalen Benutzers an? Schon der aktuelle Hype und die zehntausenden “Vielleicht Kunden” werden Ello leider massiv ablenken, denn eigentlich sollte sich ein Startup in der Seedphase ganz und gar auf die wenigen vorhandenen Kunden/Beta-Tester konzentrieren und mit ihnen kommunizieren.

Insofern ist es in der Tat spannend, ob diese in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Konstellation wirklich zu einem neuen erfolgreichen Social Network führen wird!

"Ello: Kann der Neuling am Netzwerkhimmel Facebook Konkurrenz machen?"