Ist Frau Nahles unbewusst die beste Vorreiterin für die wirkliche Digitale Agenda?

Ist Frau Nahles unbewusst die beste Vorreiterin für die wirkliche Digitale Agenda?

Digitalisierung 6 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Frau Nahles möchte uns Arbeitnehmer mit ihrer Anti-Stress-Verordnung vor der Dauererreichbarkeit und dem daraus resultierenden Stress schützen. Das hört sich erstmal gut und unterstützenswert an.

Aber: Als Arbeitsministerin liegt es für sie nahe, dass die Arbeitgeber für die Gestaltung der Arbeitswelt zuständig sind. Also müssen neue allgemeine Regeln aufgestellt werden, um die armen Arbeitnehmer zu schützen. – Dieses Instrumentarium erinnert an den sprichwörtlichen Hammer als einziges Werkzeug, der jedes Problem als Nagel betrachtet. Doch wie immer ist das wirkliche Leben vielschichtiger.

Unser falsches Verständnis von Ursache und Wirkung
Richtig ist sicherlich, dass wir Menschen die Gesetze der wirtschaftlichen Effizienz – zum Teil unbewusst – in immer mehr Lebensbereichen anwenden. Und dann sind wir verwundert, wenn daraus für uns alle mehr Stress resultiert, mit dem wir nicht klar kommen, und der uns überfordert. Das lässt sich an diversen “Errungenschaften” unserer Gesellschaft beobachten:

  • Die Politik meint zu wissen, dass wir mehr Kindergarten-Plätze für Kinder unter 3 Jahren brauchen, damit Mama und/oder Papa schneller wieder arbeiten können. Dies bedeutet ja übersetzt, dass wir Effizienz-Gesetze auf unsere Kindererziehung anwenden: Es ist einfach viel effizienter, wenn sich eine Erzieherin um x Kinder kümmern kann, als wenn unser Kind zu Hause eine ineffiziente 1:1 Betreuung erhält und damit eine ganze Mama oder einen ganzen Papa vom Arbeiten abhält!
  • Als Menschen privat nutzen wir Facebook und Messengerdienste, chatten und posten ohne Unterlass. Wir lassen uns durch jedes Beep unterbrechen und hängen wie Drogenabhängige an Informationsströmen. Doch dieses Verhalten fordert kein Arbeitgeber! Im Gegenteil: der Druck zur intensiven Nutzung digitaler Medien entsteht – vor allem für Jugendliche – durch Freunde, Gruppen und manchmal selbst seitens der Schule. Als Rechtfertigung hören wir, dass wir viel effizienter als früher mit Freunden und Bekannten kommunizieren können. Wir wenden also den Effizienzbegriff auch auf unsere private freundschaftliche Beziehungspflege an.

Wir Menschen haben zwar mit der digitalen Welt viele neue Möglichkeiten gefunden, aber offensichtlich haben wir weder als Privat-Personen noch als Gesellschaft den Weg zum richtigen Umgang mit den neuen Wundertools entdeckt.

Die Arbeitgeber werden es schon richten!
Eigentlich können die Arbeitgeber in diesem Land stolz sein, wenn Frau Nahles jetzt meint, dass gerade sie dieses grundlegende gesellschaftliche Problem lösen können!

Sind die Arbeitgeber also vielleicht gar nicht der falsche Adressat?! Eigentlich ist es doch gut, wenn sich neben jedem Einzelnen von uns auch die Gesellschaft ein wenig und halt noch die Arbeitgeber um dieses wichtige Problem kümmern?! Denn viel hilft viel, und schaden kann es ja auch nicht, wenn viele Kräfte innerhalb der Gesellschaft mobilisiert werden.

Ist der Vorstoß von Frau Nahles in diesem Sinne also doch unterstützenswert?

Oder macht Frau Nahles die Büchse der Pandora auf?
Schaut man genauer hin, ergeben sich gleich mehrere echte Gefahren, die Frau Nahles mit ihrer geplanten Verordnung eher verstärkt als verbessert:

1. Sie wendet den üblichen und bis heute anerkannten Drei-Satz zum Konsens- orientierten Finden von Lösungen an: Untersuchung durch einen neutralen Dritten, Erarbeiten eines Konsens-fähigen Vorschlags, Umsetzung der Lösung. Das ist das herkömmliche Muster zur wissenschaftlichen und technologisch orientieren Verstressung der Welt, aus der wir gerade einen Weg herausfinden müssen.

  • Man kann Entschleunigung nicht an andere delegieren und damit effizient machen!
  • Genau mit diesem Gedankengut haben wir in den letzten Jahren die konsumorientierte Welt der Erholungsversprechen aus Wellness, Sauna und Urlaubsreisen geschaffen, die uns Menschen letztlich nur noch tiefer in den Sog der Beschleunigung zieht.
  • Die Arbeitgeber auch nur in die Nähe eines Lösungsbringers zu stellen, bedeutet den ersten wichtigsten Schritt – dass nämlich jeder Einzelne bei sich selber mit der Entschleunigung anfangen muss – zu verstellen und für viele endgültig zu verbauen!
  • Stattdessen müssen wir Wege suchen, einen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, der bei uns selber beginnt. Und dabei kann jedem Einzelnen von uns weder der Chef noch der Staat helfen!

2. Eine weitere Gefahr, die sich aus dem sicherlich gutgemeinten Vorstoß von Frau Nahles ergibt, ist die steigende Komplexität: Die deutsche Arbeitswelt hat im internationalen Vergleich sowieso schon die höchste Regeldichte. Noch mehr Regeln machen das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch komplexer.

  • Und genau die Komplexität dieser beschleunigten Welt ist es doch, die immer mehr Menschen zu schaffen macht. Wenn Frau Nahles sich also sicher ist, dass gerade die Arbeitgeber einen Beitrag zur Entstressung leisten sollen, so ist die legislative Verankerung von überprüfbaren Verordnungen und Gesetzen offensichtlich der falsche Weg für eine echte Verbesserung unseres Wohlbefindens.

Eine wahrscheinliche Antwort auf die steigende Komplexität in der Beziehung zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern ist ein weiterer Schub für einen (noch) höheren Automatisierungs- und Digitalisierungsgrad in der deutschen Wirtschaft.

Ist das nicht eigentlich das Spielfeld der Digitalen Agenda?
Während die Digitale Agenda in eine sinnlose Diskussion über Breitband-Internet und Störerhaftung bei WLAN-Zugängen ausgeartet ist, schafft Frau Nahles mit ihrem Vorschlag zur Entstressung unserer Arbeitswelt eins so ganz nebenbei: Die Automatisierung und Digitalisierung bis zum Äußersten. Vielleicht sogar bis zu dem Punkt, an dem wir Menschen im Arbeitsprozess gar nicht mehr gebraucht werden.

Ob unsere Arbeitsministerin sich das so vorgestellt hat? Ob ihr diese Zusammenhänge so bewusst sind? Gut für uns Menschen ist diese Entwicklung sicher nicht!

Solange ein Teil unserer Mitmenschen Facebook, Google und Co. verteufelt, und die anderen verkleidet als Maschinenstürmer und Ludisten einfach nur weiter drauf los digitalisieren wollen, werden wir als Menschen immer menschenunwürdigere Arbeitsbedingungen haben.

Denn in dieser Mega-Industrie-Welt machen wir Menschen einfach nur die Rest-Arbeit, die noch nicht von Maschinen und Robotern erledigt werden kann. Und das ist so, unabhängig davon ob wir das in irgendwelchen Ländern ganz weit weg als menschenunwürdige Arbeitsbedingungen bezeichnen, oder ob es hier in unserer westlichen Welt Leistungsverdichtung genannt wird.

Außer den kreativen und wertschöpfenden Prozessen, die auch in Zukunft nur von Menschen ausgefüllt werden können, gibt es eine zunehmende Anzahl von – dem Augenschein nach – sauberen Dienstleistungsjobs, bei denen der Mensch einfach noch ein paar Jahre gebraucht wird, bis ihn eine Maschine ersetzt. Und genau hier findet Leistungsverdichtung statt!

Aber ändern können dies nicht die Arbeitgeber, die als Unternehmen selber in dieses verteufelte Optimierungs-Spiel eingebunden sind. Da müssen wir schon gemeinsam als Gesellschaft und auch jeder Einzelne für sich ran!

"Ist Frau Nahles unbewusst die beste Vorreiterin für die wirkliche Digitale Agenda?"