Der humanistische Ansatz – Mal ein positiver Entwurf für die digitale Welt

Der humanistische Ansatz – Mal ein positiver Entwurf für die digitale Welt

Digitalisierung 3 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Dass diese Entscheidung ausgerechnet am Jahrestag von Snowdens NSA- Enthüllungen bekannt gegeben wird, besitzt sicherlich eine große Symbolkraft, wie schon die „Zeit“ feststellt. In der Berichterstattung rund um diese Auszeichnung wird Lanier mir allerdings zu sehr auf den Digitalen Kritiker reduziert, der er so verallgemeinert gar nicht ist. Das erinnert mich stark an die Rezensionen anlässlich seiner Buchveröffentlichung im Frühjahr: Wem gehört die Zukunft?: “Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.” Die FAZ betont den langen persönlichen Kontakt und weidet sich auch jetzt im Kulturpessimismus bis sie im letzten Satz noch einen Hoffnungsschimmer einräumt. Die Süddeutsche hält sich sachlich an die Urteilsbegründung des Stiftungsrats und lediglich bei der Zeit kommt differenziert etwas von Laniers wirklichen Ideen zur Gestaltung der digitalen Welt rüber.

Eigentlich wollte ich ja nicht direkt wieder eine Buchbesprechung veröffentlichen – aber da mir Laniers Buch gut gefallen hat und es jetzt einfach passt, kommt sie nun doch:

Denn Jaron Lanier hat mich angesteckt mit seinem Optimismus für eine neue digitale Welt. Wirklich mal ein paar neue Gedanken. Er bekennt sich als digitaler Idealist und liefert dennoch eine tolle und objektive Analyse der heutigen Missstände in der digitalen Welt.

Die Grundidee von Lanier ist, dass echte Demokratie nur mit einer breiten Mittelschicht machbar ist. Genau diese Mittelschicht aber wird systematisch ausgehöhlt durch die vielen im Silicon Valley produzierten BigData Unternehmen, die mit unseren Daten ihr Geschäft aufgebaut haben. Indem wir unsere Daten so bereitwillig herausgeben, unterstützen wir diese Modelle und lassen eine Zentralisierung der Macht bei diesen Unternehmen zu – und das ist schlecht für uns alle, so Lanier.

Der Autor reiht sich aber nicht einfach in die lange Liste der Internet- und Digital- Kritiker ein, sondern er trägt neue Sichten zu einem neuen Bild zusammen. Lanier sieht diese digitale Welt der Vernetzung einfach ein Stück anders als viele Autoren zuvor, die sich an das Thema herangewagt haben.

Das für mich Lesenswerteste an seinem Buch ist jedoch, dass er sich Gedanken über eine neue, humanistische digitale Gesellschaft macht und dafür ein Konzept entwirft. Für die Kritiker ist es natürlich ganz einfach, hier Naivität ins Feld zu führen, um dieses Konzept nicht inhaltlich diskutieren zu müssen.

Inmitten des vielen Grusels (O-Ton!) den die digitale Vernetzung uns bringt, baut Jaron Lanier ein facettenreiches neues Gedankengebäude auf, das aus so vielen neuen oder neu zusammengetragenen Ideen besteht, dass es aus meiner Sicht nicht direkt zusammenfällt, auch wenn man sich mit einzelnen Bausteinen nicht anfreunden kann, oder diese für zu utopisch hält.

Es ist ein toller Ritt durch Konzepte zur beidseitigen logischen Verknüpfung von Informationen (von der Quelle zum Ziel UND in die andere Richtung), sowie Themen wie Urheberrecht, elektronisches Geld und viele andere mehr, die Jaron Lanier in neuer Form miteinander verbindet und uns damit die Augen öffnet.

Ja, so einfach wird sich das Alles nicht umsetzen lassen. – Aber hier ist endlich mal jemand, der nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern mit dem die dringend notwendige Debatte zur digitalen Gesellschaft einen Hoffnungsschimmer erhält.

Und auch wenn ich selber nicht alle vorgeschlagenen Schritte mitgehen kann, ist mein Fazit zum Buch ohne Wenn und Aber positiv. – Lesen!

Durch die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels werden sich jetzt hoffentlich noch mehr Leute mit Laniers Gedanken auseinandersetzen. Das kann der Diskussion über die Möglichkeiten und unserer Gestaltung der digitalen Welt nur gut tun!

Jaron Lanier:
Wem gehört die Zukunft?: “Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.” (Naturwissenschaft)
Hoffmann und Campe, 480 Seiten, 24,99 Euro
Kindle Ausgabe 19,99 Euro

"Der humanistische Ansatz – Mal ein positiver Entwurf für die digitale Welt"