Vom Alkoholiker zum Extremläufer – wie ich zum Laufen gekommen bin

Vom Alkoholiker zum Extremläufer – wie ich zum Laufen gekommen bin

Lifestyle 10 min. Lesezeit
Profilbild von Robby Clemens Extremläufer, Motivationscoach & Autor
Robby Clemens Extremläufer, Motivationscoach & Autor

Meine sogenannte Läuferkarriere beginnt recht ungewöhnlich. Anfangen möchte ich damit, dass ich mich im Jahr 1986 noch in der DDR als Handwerker selbstständig gemacht hatte. Es war zur damaligen Zeit eigentlich nicht so einfach einen Betrieb zu gründen. Bei mir ging das auch nur, weil ich einen bestehenden Betrieb übernehmen konnte. Für mich war das wie ein sehr großer Lottogewinn. Ich erlebte als selbstständiger Handwerker, der fleißig arbeitete, eine sehr gute Zeit mit meiner Familie. Ich durfte dann sogar Mitarbeiter einstellen und Lehrlinge ausbilden, das war zu dieser Zeit etwas besonderes.

Mit der Wende änderte sich dann betrieblich natürlich alles. Eins plus eins war zwar immer noch zwei, aber das Betriebswirtschaftliche, die Marktwirtschaftlichen Belange gewannen an immer größere Bedeutung. Die Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Aufträge waren ohne Ende vorhanden. Material zum Einbauen bei den Kunden gab es jetzt nach Hülle und Fülle. War es früher ein Riesenproblem eine farbige Badewanne, ein farbiges Waschbecken oder Klobecken zu besorgen, ging es jetzt nicht mehr um das farbige. Die Farben gab es selbst in solchen Nuancen, dass man sie kaum aussprechen konnte. Meine Lieblingsfarbe war damals Bahama Beige, das klingt schon nach Kunst, wie sollte dann erst die Kloschüssel aussehen.

Die Ästhetik des Wasserhahns war jetzt gefragt und nicht, ob er aus Plastik oder verchromten Metall ist. Leider hatte ich und viele meiner Kollegen keine Ahnung von Marktwirtschaft. Wenn wir früher eine Arbeit beendet hatten, kamen die Kunden auch prompt zum Bezahlen. Das jemand seine Rechnung nicht bezahlte, kannte ich nicht. Das sollte sich aber ganz schnell ändern.

Da jeder eine neue Heizung oder ein neues Bad haben wollte, erschlug uns die Anzahl der Aufträge regelrecht. Um den Anforderungen gerecht zu werden, musste ich immer wieder neue Mitarbeiter einstellen. Wir hatten dann zeitweise über 100 Beschäftigte. Mit dieser Anzahl an Beschäftigten kann man aber nicht nur kleinere Arbeiten erledigen, sondern man muss auch an die Großbaustellen ran.

In Leipzig gab es genug davon, nur hätten wir hin und wieder unsere Auftraggeber vorsichtiger auswählen sollen. Einige unserer Auftraggeber waren in jeder Hinsicht kriminelle, denn sie weigerten sich beharrlich für die Arbeit den vereinbarten Lohn zu bezahlen. Einige hatten von Anfang an kein Geld und andere wiederum haben eiskalt mit dem Nichtbezahlen der Rechnungen kalkuliert. Dabei gab es richtige Wirtschaftsprofis, die über jahrzehntelange Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hatten. Die trafen nun auf uns unerfahrene „Anfänger“. Wir sind reihenweise auf solche Auftraggeber reingefallen.

Viele Existenzen, viele Familien von Handwerkern sind daran zerbrochen und keinen hat es interessiert. Wir sind dann mit unserem Unternehmen in eine gravierende finanzielle Schieflage geraten. Hervorgerufen dadurch, dass man unsere Rechnungen nicht bezahlt hatte und durch Managementfehler von mir. Mit anderen Worten: es war kein Geld mehr da, ich musste versuchen neues zu besorgen. Der Weg zur Bank war die Folge. Da wir aber schon verschiedene Kreditlinien zu bedienen hatten, mussten neue Sicherheiten her. Alles was ich besaß, war schon irgendwie berücksichtigt worden. Es gab jedoch noch eine Lösung: das Haus meiner Eltern und deren Vermögen. Ich habe doch tatsächlich meine Eltern bequatscht, dass Haus als Sicherheit für neues Geld bei der Bank bereitzustellen.

Es gab neues Kapital, das reichte jedoch vorne und hinten nicht. Wir waren schon so tief in dem Strudel der Pleite, dass auch dieses Geld nichts half. Die Folge war die totale Pleite, der absolute Absturz, Konkurs. Die größte Katastrophe: Meine Eltern hatten wegen mir ihr Haus verloren. Ich war daran schuld, dass meine Eltern aus ihrem Haus nach der Versteigerung  ausziehen mussten. Ich hatte somit 40 Jahre harte Arbeit meiner Eltern mit einem Schlag vernichtet. Ich Idiot!

Obwohl ich doch nun schon genug Schaden angerichtet hatte, flüchte ich vor den Problemen zum Teufel Alkohol. Ich habe so viel getrunken, dass ich vom Alkohol abhängig wurde. Mittlerweile wog ich 125 Kilogramm. Ich dröhnte mir jeden Tag die Rübe voll und rauchte täglich mehrere Schachteln Zigaretten. Des Öfteren lag ich irgendwo besoffen herum, bis mich meine Familie nach Hause schleifte, oder ich den Weg gerade noch selber schaffte. Eine total schreckliche Zeit, die ich meiner Familie damit zumutete.

Bei einem Arztbesuch hörte ich die Worte „hör auf zu saufen, sonst kannst Du sterben“.

Dieser Satz prägte sich irgendwie in meinem Kopf ein und rüttelte mich wach.

Ich versuchte dann in Erfahrung zu bringen, wie ich von der Droge Alkohol schnell wieder wegkommen könnte. Alles war mit umständlichen Prozeduren verbunden, bis ich im Internet auf ein Seminar gestoßen bin: Bewegung, Ernährung und Denken von Dr. Michael Spitzbart.

Im Endeffekt hatte das mit meinem Problem auf den ersten Blick nicht viel zu tun, aber irgendwie sagte mir eine innere Stimme, das ist es, da musst du hin. Also lieh ich mir Geld, buchte und fragte jemanden, ob er mich fahren könnte. Vom Seminar selbst hatte ich nicht allzu viel mitbekommen, denn die Konzentration in meinem  Zustand war schwierig. Eines jedoch hatte ich begriffen, da es mehrmals gesagt wurde „kauft Euch ein paar Laufschuhe und fangt an zu rennen, damit löst ihr Eure Probleme”. Zusätzlich gab es rund um das Laufen und Leben praktische Tipps.

Am Sonntagabend ging es wieder nach Hause und schon auf dem Rückweg war mir klar, ich mache das. Am Montagmorgen ging es in ein Sportgeschäft zum Schuhe kaufen, wobei das  nicht einfach war, denn die Auswahl war groß. Ein Verkäufer half mir jedoch.

Mit denen ging es in das kleine heimische Stadion in Hohenmölsen auf die Laufbahn. Den ursprünglichen Plan, ein paar Runden zu laufen, musste ich zur Hälfte der ersten Runde verwerfen, weil ich da schon fast am Ende meiner Leistungsfähigkeit war. Trotzdem schleppte ich mich unter Aufbietung aller Kräfte bis zum Ende der Runde und war total fertig. Ich hatte gerade mal 400 Meter geschafft, eine Runde, mehr nicht. Nachdem ich die Runde beendet hatte, kam die Frage auf: Rufe ich zuerst einen Notarzt an, lasse ein Sauerstoffzelt kommen oder mich zwangsbeatmen?

Was hatte der Alkohol, das Rauchen und das Übergewicht von 125 Kilogramm angerichtet? Die Erkenntnis war erschreckend und gleichzeitig brutal.

Mit dem Loslaufen stellte ich gleichzeitig den Genuss von Alkohol in jedweder Form und das Rauchen ein. Obwohl ich ja gerademal eine Runde mit Hängen und Würgen geschafft hatte, ging ich jetzt jeden Morgen zum Laufen. Nach zwei Wochen schaffte ich zwei Runden, welch ein grandioser Erfolg dachte ich. Das Ergebnis verdoppelt!

Mir war klar, wenn ich am Ball bleibe, kann ich es schaffen, damit ein neues Leben zu führen. In einer Art Selbsttherapie gelang es mir die Alkohol- und Nikotinsucht zu bekämpfen. Immer wenn ich das verlangen hatte zu trinken oder zu rauchen bin ich laufen gegangen. Manchmal habe ich mir mit dem Laufen bewusst wehgetan, dann bin ich gerannt bis ich nicht mehr konnte, bis ich mich übergeben musste. Irgendwie war ich dann frei und beruhigt und das Verlangen nach Alkohol und Nikotin war unterdrückt. Das hat bei mir funktioniert, ob das auch bei jemand anderen funktioniert, weiß ich nicht.

In dieser Phase übernahm meine Familie eine sehr wichtige Rolle. Obwohl ich Schuld daran war, dass wir nichts mehr hatten, standen doch immer alle felsenfest hinter mir. Meine Frau, meine Kinder, meine Eltern. Alle haben mich unterstützt und zu mir gehalten. Ohne den Rückhalt und die Unterstützung meiner Familie hätte ich das nie schaffen können. Nach Monaten des täglichen Laufens konnte ich dann schon an Wettkämpfen über 5 Kilometer teilnehmen. Innerhalb von neun Monaten hatte ich 45 Kilogramm abgenommen und wog noch 8o Kilogramm. Nach einem Jahr des täglichen Trainings bin ich den ersten Halbmarathon über eine Länge von 21,1 Kilometer gerannt. Ich hatte es geschafft, welch ein großartiges Gefühl. Für jeden Hobbyläufer ist ein Marathonlauf über die Distanz von 42,2 Kilometer das erstrebenswerteste Ziel. Also begann ich ein spezielles intensives Trainingsprogramm. Denn für diese Herausforderung sollte man sich wirklich ordentlich und sehr ernst vorbereiten. Somit konnte ich mich für meinen ersten Marathonlauf in Hannover anmelden. Hannover deshalb, weil da der Lauf über zwei Runden geht. Meine Überlegung war, wenn ich nur eine Runde schaffe, kann ich ja dann einfach aufhören. Bei anderen Marathons läuft man eine gesamte Strecke und muss beim vorzeitigen Beenden mit dem Besenwagen bis zum Ziel gefahren werden und das wollte ich unbedingt vermeiden.

Total aufgeregt ging es früh am Morgen zum Start, ich konnte die Nacht vorher kaum schlafen.

Welch ein Wahnsinnsgefühl, als ich über die Ziellinie lief und meine Familie in die Arme nehmen konnte. Gänsehaut pur und ich war stolz es geschafft zu haben. Für mich war die benötigte Zeit von über 5 Stunden völlig unwichtig. Viel wichtiger war mir, dass ich es geschafft hatte. Mit meiner besonderen Geschichte stand ich nach 42,2 Kilometern im Ziel und habe geweint. Ich gewann daraus eine für mich überaus wichtige Erkenntnis:

Man kann alles erreichen, man muss nur fest daran glauben. Ich bin ein praktisches Beispiel dafür.

Bei weiteren Wettkämpfen merkte ich, dass das Laufen gegen Zeiten oder andere nicht mein Ding ist. Ich konnte mittlerweile auf der Straße 50 oder 60 Kilometer rennen, ohne dass es besonders anstrengend war. Meine Frau kam ab und zu vorbei und brachte mir etwas Essen und Trinken. Manchmal lief ich bei Musik mit einem Player.

Wichtig war mir beim Rennen eine gleichbleibende und nicht allzu große Geschwindigkeit  (7-8 km/h) sowie eine relativ niedrige Herzpulsfrequenz von ungefähr 120 Schlägen pro Minute. Das war mein Wohlfühlbereich, da konnte ich ewig rennen.

Ich betrachtete dieses “neue Leben“ als Geschenk.

Dieses Geschenk wollte ich nicht nur für mich alleine nutzen, sondern auch anderen Menschen mitteilen. So ergab es sich, dass ich einige Benefizläufe durchgeführt habe, meistens für Kinder, die Hilfe brauchten.

Meine Geschichte des Laufens quer durch Deutschland und im Ausland begann.

Mehr zu meiner persönlichen Geschichte erfahren Sie neben diesem Auszug aus meinem Buch in „Ich lauf dann mal los”.

 

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