Warum Netzneutralität eine Utopie ist, die wir dennoch alle lieben und anstreben sollten

Warum Netzneutralität eine Utopie ist, die wir dennoch alle lieben und anstreben sollten

Digitalisierung 6 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Einige Player im großen Gesamtgefüge Netzneutralität haben wir im Teil 2: Die magischen Sieben und ihr Einfluss auf die Freiheit im Internet schon kennengelernt. Der Einfachheit halber hatte ich dafür die “neuen Internetspieler” Google, Apple und Qualcomm mit ihren Aktionen und Reaktionen gemeinsam dargestellt.

Zum Einstieg nochmal ganz langsam: Ohne Qualcomm müssten Softwarehersteller mühsam Versionen für sehr viele verschiedene Handy-Modelle und lokale (Netz-)Gegebenheiten schreiben. Also gäbe es auch keinen Apple- oder Google- Appstore in der heutigen Form mit einer einzigen weltweit verfügbaren App für alle Märkte und Geräteuntertypen. Und damit ist klar: Ohne Qualcomm keine mobile First Strategie für Unternehmen, weil es ein paar Milliarden Smartphones weniger gäbe.

Google und Apple partizipieren hier also von der Netzneutralität, mit der Qualcom die lokalen Netzunterschiede der Carrier neutralisiert hat, und mit der sie Ihre Dienste nun zentral und dennoch weltweit abrufbar bereit stellen können. – Also gäbe es ohne Netzneutralität kein Apple und kein Google in der heutigen Form!

Google mischt sich mit der Forderung nach Netzneutralität inzwischen auch in artfremde Themen wie Leistungsschutzrecht und Urheberrecht ein und macht damit klar “wir sind die Guten, denn wir unterstützen die Netzneutralität”.

Aber eines ist klar: Wenn man wie Google und Apple zum Gatekeeper für Inhalte wird, ist es schon bald mit dem absoluten Wunsch nach Netzneutralität vorbei. Wie die Kabelnetzbetreiber befindet man sich schneller als gewünscht in dem Dilemma, dass man über seine Plattform, sein Ökosystem, ja auch Wettbewerber transportiert und ihre Dienste ermöglicht. Und da fällt es schon im Kleinen schwer immer absolut neutral zu sein und sein Ökosystem für jeden gleichberechtigt zu öffnen. Hier macht Google in der Wahrnehmung der Benutzer zwar den offeneren Eindruck, doch auch dabei ist klar, dass mit enorm hohem Einsatz gespielt wird. Die gigantischen Investitionen in Google Play Music in den letzten Monaten zeigen das ganz deutlich.

Weitere Spieler beim Thema Netzneutralität
Der Verbraucher fordert nicht nur die Netzneutralität – er be- und verhindert sie auch. Wenn Carrier Sicherheitsprodukte anbieten, die aktiv in die Neutralität eingreifen und der Kunde für diese Produkte auch noch zahlen soll oder will, dann ist das unter den anfangs erwähnten Forderungen nach „Freiheit“ eigentlich eine verkehrte Welt. Denn Sicherheit gegen die bösen Kriminellen im Internet gibt es für viele User am einfachsten, wenn der DSL- Anschlussprovider Ports und Dienste sperrt.

Im neuen IPv6- Protokoll sind Serviceklassen fest eingebaut. Da werden QoS- verbessernde Maßnahmen nicht mehr proprietär auf Router und Switch- Ebene vorgenommen, sondern die (bevorzugte) Behandlung von Daten – und damit die Verletzung der Netzneutralität – ist direkt im Header des Protokolls implementiert. Weil wir Europäer noch in der IPv4- Steinzeit leben, bekommen wir also die Vorzüge aus der neuen IP-Welt noch nicht so richtig mit, aber das wird sich in den nächsten Jahren ändern.

Eine ambivalente Reaktion ergibt sich auch aus der massiven staatlichen Überwachung, die dank Herrn Snowden bekannt geworden ist. Den besten Schutz vor staatlichen Übergriffen bietet Verschlüsselung und/oder (teilweise) Abschottung. Beides ist letztlich nicht förderlich für die Netzneutralität.

Egal ob Staaten, politische Gruppen oder andere Interessenverbände – jeder, der nicht glasklar offene demokratische Standards verfolgt, wird geneigt sein “seine” Gruppe durch Abschottung vom „Rest der Welt” ein wenig zu separieren, schützen oder wie auch immer der dafür verwendete Ausdruck heißt. Unterm Strich wird sich das auf jeden Fall gegen die Netzneutralität richten.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Trends in unserer Gesellschaft, die sich gegen die Neutralität des Internets richten können, wenn man nicht aufpasst: Die “as a Service” Denke, also das Zusammenfassen von bisher getrennten Einzelleistungen zu kompletten Diensten, die der bequeme User gerne nutzt, bietet eine große Angriffsfläche für neutralitätsferne Aktivitäten. Alles ist gut, wenn die bisherigen Einzelleistungen mit offenen Standards und in transparenter Form zu einem kompletten Dienst (“as a Service”) zusammengestellt werden. Eher böse wird es, wenn damit eine Abschottung/ Ausgrenzung vorgenommen wird. Dafür noch ´mal ein Beispiel von der Telekom: natürlich kann ich deren Entertainment Pakete auch mobil nutzen, allerdings nur im Bundle mit einem T-Mobile-Vertrag. Aha!

Und zu guter Letzt  ist da noch die “Geiz ist geil”- Mentalität: Wie soll ein Carrier überleben, wenn er für 20 Euro im Monat einen Internet-Anschluss mit Telefonanschluss und am besten inklusive Flatrate zur Verfügung stellt? Hier fordert das Verhalten und die Erwartung der Verbraucher die Unternehmen quasi zu unlauterem Vorgehen auf, um sich im harten Preiskampf behaupten zu können.

 

Versuch eines Fazits
Netzneutralität ist

  • der Kampf von Klein gegen Groß
  • Media Industrie und Content Erzeuger gegen Distributoren, Carrier und Gatekeeper
  • Neue gegen bisherige (tradierte) Geschäftsmodelle

Es gibt verschiedene Faktoren, die gegen eine dauerhafte Erhaltung der jetzt noch weitgehend vorhandenen Netzneutralität sprechen:

  • Security Erfordernisse der Unternehmen und User
  • Staatliche Überwachung
  • Nach Monopolen strebende Wirtschaftsunternehmen
  • Die Guten, die alles besser machen wollen – und damit für Zersplitterung sorgen werden
  • Die Verbraucher, die einfach nur funktionierende Services / Dienste haben wollen.

In Summe eine ziemlich komplizierte Sache – das hehre Ziel der Netzneutralität! Und ein wenig wie der kalte Krieg: Jeder sucht sich seine Verbündeten im Geheimen, schmiedet Allianzen und pflegt öffentlich die verbale Auseinandersetzung mit der anderen Seite. Und einige Playerhaben auch „Atomwaffen“, die – einmal zum Einsatz gebracht – die Netzneutralität vernichten und dann auf Jahre verhindern, dass es sie wieder geben wird.

Gibt es denn wirklich keine Hoffnung?
Die Trennung von Inhalt und Übertragungsweg könnte für ein paar Jahre lang ein Weg sein, wenn wir Verbraucher die Carrier dafür entlohnen

Ansonsten bleibt nur auf das Funktionieren der Märkte zu hoffen: Keiner wird übermäßig stark, alles läuft in Wellenbewegungen. – Aber an der Stelle kommt ja noch ein anderes großes Problem der Menschen: Der Glaube an das Funktionieren von Märkten in einer liberalen Marktwirtschaft ist in den letzten Jahren ebenfalls massiv erschüttert worden…

Damit bleibt leider nur ein Fazit: Netzneutralität ist eine Utopie, die wir dennoch alle unterstützen sollten!

"Warum Netzneutralität eine Utopie ist, die wir dennoch alle lieben und anstreben sollten"