Die magischen Sieben und ihr Einfluss auf die Freiheit im Internet

Die magischen Sieben und ihr Einfluss auf die Freiheit im Internet

Digitalisierung 5 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Die sieben Haupt-Player im Bezug auf Netzneutralität habe ich im ersten Teil von Netzneutralität – eine Utopie?  kurz aufgezählt. Heute wollen wir ein paar dieser Player – und ihre Rollen etwas genauer betrachten:

Die Carrier
Die Carrier haben Angst, die IP- Welt ebenso zu verlieren, wie sie bereits die Herrschaft im Bereich Sprachvermittlung (die Telefonie) zumindest im Festnetzbereich abgeben mussten. Neben den Nutzern, die sich lieber via IP- vermittelten Diensten wie Skype, Facetime und Co. unterhalten, schwinden durch den massiven Wettbewerb auch die Margen – und damit der Spaß für die Carrier.

Daher streben vor allem die Verteilnetz- Carrier verstärkt in die Inhaltswelt. Die Telekom ist mit ihren Entertain Paketen dabei schon ziemlich weit: Durch umfangreiches Bundling der Media- und IP-Transport-Welten versucht sie,  gegen die sinkenden Margen in ihrem Kerngeschäft vorzugehen. Im Audio Bereich wird das eigene Media Portal Musicload  zwar nun aufgegeben aber dafür gibt es ja eine Partnerschaft mit dem Streaming-Dienst Spotify, die dann inkl. Carrierleistung über die Telefonrechnung abgerechnet wird.

Einen ersten offensichtlichen Vorstoß gegen die Netzneutralität hat die Telekom im letzten Jahr mit der Einführung der Datendrosselung bei übergebührlicher Nutzung der Internet- Flatrates vorgenommen. Zwar musste sie hier Federn lassen und zurückrudern, aber der nächste Versuch wird kommen – ganz bestimmt!

Die Kabelnetzbetreiber und Inhaltsdistributoren
Die alten Fernseh-Kabelnetz- Betreiber erleben gerade eine Blüte. Denn sie haben ein Produkt, für das Menschen noch (!) Geld bezahlen: das Fernsehen. Über die gleichen Kabel kann man mit sehr ansehnlichen Geschwindigkeiten nicht nur Multicast- Dienste wie Fernsehen (analog und digital), sondern auch paketvermittelte Dienste, also Internet transportieren.

In den Gbyte/s Bereich für viele Anwender wird man mit diesen Leitungen aber nicht vordringen können, so dass langfristig gesehen FTTH- Lösungen (Fibre To The Home) Vorteile haben werden. Bis dahin können sich erst ´mal viele Städter und Landmenschen über Internetgeschwindigkeiten von 25 oder 100Mbit/s freuen, wo DSL mit nur wenigen Mbit/s aus der Dose tröpfelt.

In den USA sind die Kabelnetzbetreiber erheblich mächtiger als in Deutschland (in einigen Teilen des Landes ähnlich marktbeherrschend wie die Telekom hier). Daher verwundert es nicht, dass im letzten Jahr dort ein Gigant probiert hat, die Netzneutralität ein wenig zu verbiegen – und das erfolgreicher als die Telekom mit ihrer Drosselung hierzulande:

Als internetbasierter Content-Distributor spielt Netzflix in den USA mit seinem onDemand- Video-Angebot eine große Rolle für die Zuschauer. Netflix lässt seinen Content vom Carrier Level3 zum Endbenutzer (oder in dessen Nähe) transportieren, so auch zu den Comcast Kunden. Das schmeckt dem Kabelanbieter Comcast, der sowohl IP-Carrier als auch Fernseh-Content-Distributor ist, natürlich gar nicht. Und so hat Comcast von Level3 Geld für das Peering gefordert. Prima Anschauungsunterricht in Sachen Verbiegen der Netzneutralität…

Die neuen Internetspieler
Aufgrund der Verflechtungen bzw. Abhängigkeiten zwischen dem Handeln der weiteren Spieler ist die Einzeldarstellung ihrer Rolle schwierig:

Sowohl Google als auch Apple bauen ihre Ökosysteme so aus, dass sie Einfluss auf die Netzneutralität nehmen. Beide greifen mit ihren Sprach- und Videodiensten (Google Talk, Hangout, Facetime Audio, Facetime Video) die Carrier sehr massiv an; denn diese können aufgrund der Vormachtstellung der genannten Dienste keine Sprach- und Video- Mehrwert- Dienste mehr liefern, sondern nur noch die schnöde Basis: das Internet. Dank WiFi ist das auch ein massiver Angriff auf eine weitere Cash-Cow der Carrier: Die Roaming- Gebühren.

Angesichts der Tatsache, dass Apple die Carrier in den Jahren 2008 bis 2011 massiv für die Verbreitung seiner Geräte genutzt hat, und die Carrier dafür noch einen ordentlichen Teil der monatlichen Erlöse an Apple abführen mussten,  ist das schon eine ziemlich coole Strategie.

In diesem Zusammenhang sollten wir in jedem Fall noch einen weiteren Mitspieler einbeziehen: Qualcomm. Paul Jacobs hatte als CEO des Chip- Herstellers erkannt, dass Nokia zwar viele Jahre in der Lage war, für jedes Handynetz der Welt ein spezielles Telefon zu liefern, das die lokalen Frequenzen und Normen unterstützte. Aber es war nicht im Interesse von Nokia, dieses gesammelte Know-How auf einen einzigen Chip zu packen. Diese Aufgabe hat dann Paul Jacobs mit Qualcomm übernommen und war damit der Wegbereiter für internetfähige Telefone für unter 100€.

Heute stecken diese Chips in fast allen Handys, weil ein typischer Hersteller wie Samsung, Motorola und Co. gar nicht ohne weiteres, Telefone für all diese lokalen Gegebenheiten produzieren könnte. Mit einem einzigen Chip von Qualcomm werden  mobile Geräte gebaut, die sich in alle Handynetze der Welt einbuchen können. Damit hat Qualcomm das mobile Internet, wie wir es heute kennen, erst möglich gemacht und die Wertschöpfung der alt eingesessenen Handy- Produzenten wie Nokia massiv zum Schmelzen gebracht.

Nur deswegen konnten sich Firmen wie Google und Apple mit ihren Ideen und Produkten so schnell ausbreiten.  Und nur deswegen kämpft Apple heute mit so harten Bandagen gegen Qualcomm: um den Gegner Google zu treffen.

Weitere Aktionen und Reaktionen dieser Akteure und die Rolle von uns Nutzern werden wir im nächsten Teil näher betrachten. In wenigen Tagen geht es an dieser Stelle weiter mit dem großen Thema Netzneutralität!

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