Die Welt, wie Google sie sieht

Die Welt, wie Google sie sieht

Digitalisierung 3 min. Lesezeit
Stefan Fritz Experte für faire digitale Plattformen

Buchrezension zu Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft von Eric Schmidt und Jared Cohen

Die Erwartungen sind hoch, wenn einer der Hohepriester der digitalen Welt gemeinsam mit seinem Chef-Strategen in die Tasten haut und darüber berichtet, was die neue vernetzte Welt wirklich zusammen hält.

Das Buch startet mit einem Diskurs zum Thema “Die Zukunft des Menschen” – und kommt zu dem positiven Techi Fazit: Höhere Effizienz, mehr Lebensqualität, mehr Chancen. Ok, damit haben wir den Menschen schon ´mal abgehandelt, und das auch schon gleich im ersten Kapitel und mit einem positiven Fazit. Dann muss es ja gut werden mit der Vernetzung der Welt!

Nach einem kurzen Crunch-Kapitel über Identität, Zivilgesellschaft und Journalismus (Verwunderung: wie gehört das nun zusammen und warum so kurz?) folgen Ausführungen zu den Themen Staat, Revolution, Terrorismus, Konflikte und Kriege sowie Wiederaufbau – jeweils in eigenen Kapiteln.

Was wollen uns die Autoren damit sagen?

  • Wir von Google sind so mächtig, dass es für uns selbstverständlich ist, uns mit Staatschefs von Demokratien und Diktaturen weltweit an einen Tisch zu setzen und Gespräche über die Zukunft der Welt zu führen. Wir fühlen uns als wichtiger Baustein in dieser vernetzten Welt der Macht. Und die vielen User autorisieren uns täglich, uns quasi dazu eine neue Art von crossnationaler und überstaatlicher Machtstruktur mit aufzubauen.
  • Wir von Google haben bisher eine tolle Geschäftsidee, nämlich wie wir die persönlichen Daten unserer Kunden vermarkten. Wie das genau funktioniert versteht zum Glück inzwischen fast keiner mehr. Mit dem ganzen Geld was wir damit verdienen, haben wir uns auf die Suche nach weiteren Ertragsquellen gemacht. Das mit dem selbstfahrenden Auto ist zwar technisch brillant, aber wir wissen noch nicht, wie man daraus Kapital schlagen kann. Daher beschäftigen wir uns jetzt strategisch nicht mehr mit dem direkten Nutzen für den einzelnen Menschen wie in den letzten Jahren (Mail, Telefonieren, Fotos, usw.), sondern mit den Auswirkungen auf die Machthabenden. Als Berater der Eliten können wir unser Infrastrukturwissen perfekt einbringen.
  • Vielleicht wollten sie beim Schreiben des Buches im Laufe des Jahres 2012 (erinnert sich noch jemand an Wikileaks?) die Gunst der Stunde zur Rechtfertigung zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen nutzen. Denn damals waren doch eine ganze Menge Menschen nicht mit dem einverstanden, was die neuen Internet Rebellen da machten und bei Wikileaks veröffentlichten. Kurz nach Erscheinen des Buches auf Deutsch wurden im Frühsommer 2013 die Snowden- Enthüllungen public.  Und die lassen staatliche Aktivitäten und die Zusammenarbeit mit mächtigen Unternehmen wie Google ja dann doch in einem anderen Kontext erscheinen.

Letztlich muss jeder selbst beurteilen, ob er die ganzen Szenarien und Informationen aus den verschiedenen Machtstrukturen als “interessante Details”, als Ansammlung von (vielleicht banalen) möglichen Szenarien oder in Summe dann doch als etwas Bedrohliches empfindet. Schließlich wagen sich hier zwei Lenker eines der mächtigsten digitalen Unternehmens der Welt auf neues Terrain vor und das durch die Buchform ganz öffentlich.

In diesem Sinne finde ich die Auswahl und Gewichtung der von Schmidt und Cohen angesprochenen Themen spannend, und für mich hat sich das Lesen ihres Buches gelohnt. Weiterempfehlen kann ich „Die Vernetzung der Welt“ daher vor allem Menschen, die sich zu diesen Szenarien ein eigenes Urteil bilden wollen.

Eric Schmidt/Jared Cohen:
Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft
Rowohlt, 448 Seiten
24,95 Euro

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