Weltfrauentag: „Keine Gleichmacherei“

Weltfrauentag: „Keine Gleichmacherei“

Kommunikation 7 min. Lesezeit
Profilfoto von Christiane Wolff Expertin für PR und Öffentlichkeitsarbeit
Christiane Wolff Expertin für Unternehmenskommunikation

Der internationale Weltfrauentag wird heute 100 Jahre alt. Obwohl der Tag mit dem Faschingsdienstag zusammenfällt: Die Diskussionen, die den Weltfrauentag bestimmen, sind eher ernster Natur. Während er in manchen Ländern, wie zum Beispiel in Osteuropa, groß gefeiert wird, ist er in Deutschland meist nur ein Nebenschauplatz. Auch in den USA, wie Patricia Sauerbrey Colton, Research Director beim Rheingold Institut in San Francisco, beschreibt, wird er „nicht wirklich groß zelebriert“.

Glückwunsch-SMS dagegen bekommt Katarzyna Mol, Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Emotion“. Und zwar von ihren polnischen Freunden und Bekannten: „Früher gab es für meine Mutter in Polen immer Blumen. Wir Frauen wurden gefeiert.“

Es war eine Deutsche, die den Tag 1911 ins Leben gerufen hat: Klara Zetkin hat es damit geschafft, dass Frauen aus aller Welt für mehr Gleichberechtigung eintreten. Ganz oben auf der Agenda in Deutschland in diesem Jahr ist das Thema Frauen in Führungsebenen. Dabei werden die Diskussionen um die Einführung einer Frauenquote wieder lebendig.

W&V Online hat ausgewählte Experten aus der Marketingbranche gefragt, was der Weltfrauentag für sie bedeutet.

Tina Beuchler
Leiterin Media Nestlé

  • „Dass Frauen – und Männer – für Gleichberechtigung, Wahl- und Stimmrechte und gleiche Bezahlung bei gleicher Leistung kämpfen, finde ich richtig, wichtig und nach wie vor aktuell. Die Erfolge sollten entsprechend gewürdigt werden. Ob dies durch einen Weltfrauentag ausreichend geschieht, möchte ich zumindest für Deutschland bezweifeln. Daher wünsche ich mir für die Zukunft, dass Frauen – und Männer – nicht aufhören, für Gleichberechtigung zu kämpfen, dass sie unterstützt und gefeiert werden. Gesellschaftliche und politische Institutionen, Unternehmen, Medien und natürlich jede und jeder Einzelne können noch mehr mitwirken, ein zeitgemäßes Frauenbild und eine Kultur der Anerkennung zu etablieren. Das Internet wird hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten. I like this.“

Lisa Hug
Leiterin Marketing/PR Senzera

  • „Wahre Weiblichkeit ist eine sehr subtile aber wunderschöne Eigenschaft. Jede Frau auf dieser Welt sollte die Möglichkeit haben, sich individuell in und mit ihrer Weiblichkeit zu verwirklichen. Ist das so? Dann brauchen wir keinen Weltfrauen-Tag. Wenn nicht, sollte es 365 Weltfrauen-Tage geben.“

Christiane Wolff
Practice Leader für Lifestyle & Consumer Kunden F&H Porter Novelli

  • „Leider gibt es in sehr vielen anderen Ländern dieser Erde weiterhin Unterdrückung bis zu Verstümmelung und anderen Greueltaten, die Frauen angetan werden. Dort hat der Weltfrauentag sicher eine ganz andere Bedeutung, als er es in Deutschland hat. Wir sollten jeder für sich unseren Beitrag dazu leisten, hier einzugreifen, zu diskutieren und Verantwortung übernehmen. Ich habe hier in Deutschland seit über zehn Jahren ein eigenes Frauennetzwerk mit Medienprofis aus München, Frankfurt und Berlin aufgebaut und versuche hier, die berufliche Situation der Frauen zu stärken. Die Women Speaker Foundation, die ich mit Regina Mehler gegründet habe, ist ein weiteres Instrument, Frauen eine Stimme zu geben und sie auf die Bühne zu bringen. Und hoffe natürlich, dass wir diesen Tag in Zukunft einmal nicht mehr brauchen…!“

Patricia Sauerbrey Colton
Research Director Rheingold LLC, USA

  • „Wie in Deutschland, wird auch hier in den USA der Weltfrauentag nicht wirklich groß zelebriert. Gerade einmal 232 Veranstaltungen von Ausstellungen über Benefizkonzerte bis hin zu Vorträgen finden sich auf der offiziellen “International Women’s Day” Webseite. Ich habe den Eindruck, frau braucht nicht mehr unbedingt den offiziellen Tag, um Emanzipation zu feiern und zu fördern. Hier in der Bay Area um San Francisco finden sich regelmäßig Veranstaltungen, die Themen von und für Frauen aufgreifen.
    Ich perönlich habe zum Weltfrauentag ein ambivalentes Verhältnis: Auf der einen Seite presst er uns wieder in diese ironische Minderheitenposition, der wir ja genau mit einem solchen Tag entkommen wollen. Andererseits schafft ein solcher Tag Aufmerksamkeit, hilft erinnern und schärft unseren Blick für manches, was im Alltag vielleicht schon unhinterfragt selbstverständlich wurde. Der Weltfrauentag feiert die Fortschritte, zeigt aber gleichzeitig auf, wo noch ein langer Weg beschritten werden muss.
    Besonders wichtig empfinde ich einen solchen Tag, um auf die Frauen aufmerksam zu machen, die weit entfernt sind von dem, was sich für Frauen in Deutschland und USA in den letzten 100 Jahren gewandelt hat: Der Weltfrauentag lässt uns dahin schauen, wo es um lebens- und freiheitsbedrohliche Themen wie Genitalverstümmelung, Kinderheirat und frauenfeindliche Rechtssysteme geht.
    Hier in den USA wünsche ich mir vom Weltfrauentag, dass er dazu beiträgt, die Andersartigkeit von Mann und Frau zu zelebrieren, anstatt Gleichberechtigung mit “Gleichmacherei” zu verwechseln. Er sollte dazu beitragen, Individualität zu sehen, anstatt auf Geschlechter zu reduzieren. Ich hoffe, er hilft uns, sich seiner eingeschliffenen Bewertungsmaßstäbe bewusster zu sein und die Augen für neue Eindrücke zu öffnen. Unter diesen Blickwinkel würde ich übrigens jegliche Art von Diskriminierung fassen, nicht nur die auf Grundlage des Geschlechts, sondern auch z.B. die auf der Grundlage des religiösen, sozialen oder ethnischen Hintergrunds.“

Jörg Blumtritt
Geschäftsführer Mediacom

  • „Draper: ´Let me ask you something, what do women want?´ Sterling: ´Who cares?´ Die Rolle der Frau in der Werbewelt der Sechziger Jahre wird in der US-Erfolgsserie ‚Mad Men‘ klar gemacht – im besten Fall als „Verbraucherin“ männergemachter Produkte wird sie verachtet: ´What you call love was invented by guys like me to sell nylons.´ Heute sind wir – hoffentlich, sage ich als Mann – weiter. Plumper Sexismus ist allgemein selbst bei Werbung für sehr maskulinen Produkte nicht mehr akzeptiert. Aber obwohl inzwischen viele Frauen auch in Führungspositionen bei Agenturen arbeiten, ist unsere Branche noch lange nicht am Ziel. Wir sprechen noch immer in Bildern aus der Kriegsführung, von Strategie, Kampagnen, Marktbeherrschung; wir nennen die Menschen, die wir von unseren Marken überzeugen wollen „Zielgruppen“, als könnten wir sie mit unserer Werbung einfach abschießen. Selbst in der frischen Kultur der Social Media bricht sich häufig undultsamer und aggressiver Jargon die Bahn; wer schon einmal eine „Löschdiskussion“ auf Wikipedia mitgemacht hat oder auf Twitter in einen „Shit-Storm“ geraten ist, weiß, wovon ich spreche.
    Ich wünsche mir, dass Political Correctness nicht als „Gutmenschentum“ abgetan wird, dass wir uns nicht länger über Gender-Ansätze lustig machen, und dass wir versuchen, in unserer Kommunikation Toleranz und Freiheit von Gewalt zur Maxime zu machen. Nicht nur am Tag der Frau.

Katarzyna Mol
Herausgeberin und Geschäftsführerin „Emotion“

  • „Ich merke, dass Weltfrauentag ist, da ich von meinen polnischen Freunden und Bekannten Glückwunsch-SMS bekomme. Früher gab es für meine Mutter in Polen immer Blumen. Wir Frauen wurden gefeiert. In Deutschland geht dieser Tag an mir, ehrlich gesagt, eher vorbei. Außer in diesem Jahr. Da habe ich an einer Podiumsdiskussion zum 100. Weltfrauentag teilgenommen. Den Weltfrauentag-Gedanken mit aktuellen Themen aufzuladen, fand ich spannend. Ihn dazu zu nutzen, wichtige Themen im Zusammenhang mit der Förderung von Frauen und damit auch mit unserer EMOTION Initiative „Frauen für die Zukunft“ neu aufzuladen, hat diesen Tag in ein für mich richtiges Licht gerückt. Denn allein wegen meines „Frauseins“ gefeiert zu werden, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Popularität des heutigen Tages aber dazu zu nutzen, Frauen auf ihrem Weg zu unterstützen, das ist wichtig. Darauf stoßen wir auch heute in der „Emotion“-Redaktion an. Denn es liegt uns am Herzen, Frauen zu ermutigen ihre Entscheidungsfreiheit auszuleben, sich mehr zuzutrauen, andere Lebensmodelle von Frauen zu akzeptieren und sich gegenseitig endlich mehr zu unterstützen.“
Ersterscheinung auf W&V / Weltfrauentag: „Keine Gleichmacherei“

"Weltfrauentag: „Keine Gleichmacherei“"