Internet TV – Eine neue Form der Berieselung

Internet TV – Eine neue Form der Berieselung

Digitalisierung 6 min. Lesezeit
frau mit laptop auf dem sofa
Ibrahim Evsan - Experte für Digital Leadership
Ibrahim Evsan Experte für Digital Leadership

Die technischen Grundvoraussetzungen sind nahezu geschaffen, sodass sich in den nächsten Jahren das Sehverhalten der User grundlegend verändern wird. Die Zeit vor dem TV werden die User aufteilen zwischen dem Schauen auf dem PC und der tatsächlichen Berieselung vor dem Fernsehen.

Das deutsche TV-Sehverhalten liegt laut verschiednen Studien bei derzeit rund 2,9 Stunden pro Tag. Die hier aufgebrachte Zeit wird sich in naher Zukunft meiner Meinung nach drastisch verringern. Alleine bei sevenload wurden im August 79.000.000 Minuten Video ausgestrahlt – das sind ca. 55.000 Tage (in einem Monat) durchgehende Ausstrahlung von Videomaterial. Eine beeindruckende Zahl.

Hier ist die Gefahr für die TV-Sender ganz klar zu sehen, aber auch die große Chance neue Formate zu entwickeln, die es derzeit noch gar nicht gibt. Diese Entwicklung beobachten auch TV-Sender wie RTL und Pro7/ Sat 1 und versuchen durch neue Portale wie Clipfish oder MyVideo zu steuern.

Nur dürfen TV-Sender meiner Meinung nach nicht den Fehler machen, TV-Archivmaterial aus dem Fernsehen einfach 1:1 ins Internet zu packen. Diese Entwicklung wäre fatal, falsch und entspricht nicht der Vorstellung der Nutzung der neuen Medien.

Richtiger ist es, die User an die Hand zu nehmen und Ihnen die Möglichkeit geben, automatisiert ihre eigenen Inhalte einzustellen, zu verändern oder gar personalisiertes User-TV zu gestalten. Diese Entwicklung wird kommen und sevenload wird hierzu einen großen Beitrag leisten. Wieso sollte es in der Zukunft nicht „Ibo TV“ geben? Natürlich auch mit einer eigenen Domain etc.!

Jedoch erwartet uns hier bald ein Problem: Die gesamte Internet-Infrastruktur muss in naher Zukunft neu überdacht werden. Im Gegensatz zum TV wurde das Internet ursprünglich nicht für Broadcasting geschaffen. Die Entwicklung neuer, schnellerer Netze ist Grundvoraussetzung für die Darstellung von Internet-TV für den Massenmarkt. Die Anbindung des deutschen Internet-Austauschknotens DE-CIX ist mit 363 GBit/s beispielsweise absolut nicht ausreichend für massenmarktfähiges Internet-TV.

Hier eine logische Rechnung:

363 GBit/s sind ca. 370.000 MBit/s – bei einer Mindestqualität von 500 Kbit pro Film würde das bedeuten, dass nur 740.000 User gleichzeitig Internet-Flashfilmchen anschauen könnten. Dann wäre das deutsche Internet zum größten Teil lahm gelegt.

Statistik
(Quelle: http://www.decix.de/)

Die Grafik des DE-CIX zeigt eine Steigerung des Traffics um das 5-fache – alleine innerhalb von zwei Jahren. Wenn man sich nun überlegt, wie viele TV-Zuschauer sich „Wetten dass!?“ zur Primetime anschauen, wird uns schnell klar, dass das Internet heute noch lange nicht über die Kapazitäten verfügt, alle Internetuser um 20:15 Uhr mit Internet-TV-Formaten zu beglücken.

Die Chance für die deutsche Wirtschaft: Die extremen und notwendigen Veränderungen im Markt der Backbone-Betreiber bieten die Möglichkeit, die Fortschrittlichkeit des deutschen Marktes in diesem Bereich erneut zu unterstreichen. Hier kann es sich kein Backbone-Provider leisten, lange zu zögern – die Betreiber müssen den Anforderungen, denen sie sich gestellt sehen, auch tatsächlich genügen.

Wir von sevenload oder auch MyVideo oder Clipfish haben das große Glück, einen starken Verbündeten hinter uns zu haben: die Zeit. Denn sowohl die Technik auf Server- als auch Clientebene entwickelt sich rasant weiter und nimmt uns einige Sorgen. Die Computer auf Benutzerseite werden immer größer, schneller und vielseitiger – sie bieten schon heute beinahe alle technischen Raffinessen, die man sich wünscht. Serverseitig sehen wir diesen Fortschritt aber leider weniger schnell wachsen. Heute kann ein kosteneffizienter Server höchstens 40 Personen gleichzeitig bedienen. Das Ausweichen auf aufwändige Netzwerkstrukturen wie die von Akamai oder Limelight Networks ermöglicht hier zwar Steigerungen, aber auch hier sind diese nur begrenzt möglich. Wir von sevenload glauben, dass man unabhängig bleiben sollte – und bauen ein eigenständiges und zuverlässiges Serversystem auf, das auf ein ebenfalls in Eigenentwicklung entstandenes verteiltes Netzwerk aufbaut. Wenn ich mir überlege, dass wir innerhalb von nur 5 Monaten schon bei ca. 50 Servern angelangt sind, kann ich schnell nachrechnen, welchen Umfang das sevenload-Serversystem 2010 haben wird. Das müssten dann ca. 1.000 Server sein. Dies stellt natürlich auch an unsere Provider und Partner ganz neue Anforderungen, u.a. alleine bezüglich realem Platz in den Rechenzentren.

Nur frage ich mich: Wie sieht der User diese Entwicklung? Er bekommt meistens gar nicht mit, dass Backbones oder Festplatten Probleme machen können, wenn sie viele hunderte User bedienen müssen. Dass es heutzutage fast zur Norm gehört eine 16 MBit-Anbindung daheim zu haben, während es auf Serverseite wiederum noch immer Norm ist, über eine meist geteilte (!) 100 MBit-Anbindung zu verfügen, fällt nicht auf. Dass es Engpässe gibt versteht kaum jemand, weil das Internet einfach funktionieren muss. Das ist auch absolut nachvollziehbar und berechtigt. Diesen Anforderungen müssen wir uns stellen. Mit dieser Erwartung tritt der Nutzer an eine Internetseite heran.

Ich möchte es vereinfacht darstellen: Wenn man heute TV schaut und plötzlich vor einem schwarzen oder verrauschten Bildschirm steht, ist das unverzeihlich gegenüber dem Zuschauer. Genau dieses Gefühl, diese Voraussetzung wird der User auch ans uns, d.h. sevenload, Clipfish oder MyVideo stellen. Wenn das eine nicht klappt, wird es wie im TV das Zappen geben – jedoch kein Sender-Zapping, sondern ein Videoportal-Zapping. Aber auch hier glaube ich, dass es in Zukunft neue Formate und Internet-TV-Zeitschriften geben wird. Man wird die alte Idee des EPG (Electronic Program Guide) aus dem TV ins Internet verlagern. Und das Internet-TV wird ins klassische TV übergehen. Ich glaube fest daran, dass die Zukunft des Internet-TV uns eine technische Runderneuerung abverlangt. Neuste Techniken werden es dem User ermöglichen, unkompliziert Internet-TV anzuschauen, darin zu zappen und interaktiv mitzuwirken. Das Sehverhalten der Konsumenten wird sich verändern, und in diesem Zuge werden sich neue Formate wie beispielsweise Rob Vegas bei sevenload etablieren. Das kann auch bedeuten, dass ich mir in Zukunft mein ganz persönliches Straßen-TV ansehen kann. Oder gar Nachbars-TV oder Blogger-TV. Doch wie finden sich diese Formate? Es muss eine vereinfachte neue technische Spezifikation zwischen den einzelnen Portalbetreibern geben, die dem EPG ähnelt. Hier empfehle ich meinen Kollegen, diese Entwicklung und gigantische Chance nicht in Form von proprietären Insel-Lösungen zu entwickeln, sondern eine einheitliche XML-Schnittstelle zu definieren, die weitere Entwicklungen über APIs ermöglicht.

Fazit: Es erwarten uns ganz neue Möglichkeiten, Chancen und natürlich auch Herausforderungen. Ich blicke sehr positiv in die Zukunft des deutschen Internet-TV-Marktes.

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